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Christian Adam über die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945

Seitdem 2010 seine Untersuchung »Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich« erschienen ist, gilt der Literaturwissenschaftler Christian Adam als Fachmann für eine neue, ungewohnte Betrachtungsweise des nationalsozialistischen Literaturbetriebes. Auf einer Diskussionsveranstaltung am 22. März 2016 im Literaturforum im Brecht-Haus stellte er nun seine neueste Untersuchung vor: »Der Traum vom Jahre Null. Die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945«.

Für Adam bestehen keine Zweifel, dass »wir« 1945 nicht bei null begonnen haben. Das konnte alleine schon deshalb nicht der Fall sein, weil die Menschen die gleichen geblieben waren. So wenig wie sich ihr Weltbild alleine durch die Befreiung – oder, wie wohl eine Mehrheit formulierte, die Niederlage – änderte, änderten sich auch ihre Lesegewohnheiten.

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Ist die Forderung nach mehr politisch präziser Literatur tatsächlich überflüssig?

Wenn es gerade das Feuilleton der großbürgerlichen FAZ ist, das sich seit Längerem wundert, wie wenig sich in der derzeitigen bundesdeutschen Belletristik aktuelle welt- und innenpolitische Fragen widerspiegeln, darf dies sicherlich hinterfragt werden. Vorschnelle Antworten wie auch jüngst wieder in der Jungen Welt sollten aber trotzdem vermieden werden.

Als Nils Minkmar in der FAZ Ende September 2014 fragte: »Wo sind die etablierten, preisgekrönten deutschen Autorinnen und Autoren, die die offenen Fragen der jüngsten westdeutschen Vergangenheit so komprimiert formulieren könnten? Die sich überhaupt für Zeitgeschichte interessieren und den Stoff kunstgerecht aufbereiten könnten?«, verkündete Thomas Wagner in der Jungen Welt postwendend: »Die von Ihnen sehnlichst herbeigewünschte politisch präzise Literatur gibt es schon.«

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Mit seinem »Braunbuch« über Kriegs- und Naziverbrecher in der BRD leistete Norbert Podewin Pionierarbeit

Den Namen »Norbert Podewin« dürften zumindest im westlichen Deutschland nur wenige kennen, etwas anders dürfte es sich dagegen mit dem »Braunbuch – Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik: Staat, Wirtschaft, Verwaltung, Armee, Justiz, Wissenschaft« verhalten.

Als das Buch im Sommer 1965 in der DDR erschien, wurde es in der BRD umgehend als »kommunistisches Propagandawerk« und »Fälschung« zurückgewiesen. Auf die Vorwürfe brauche deshalb nicht weiter eingegangen werden. Insgesamt wurden in dem Braunbuch 1800 Namen genannt, darunter die von 15 Ministern und Staatssekretären, 100 Generälen und Admirälen der Bundeswehr, 828 Richtern, Staatsanwälten und hohen Justizbeamten, 245 leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes und 297 hohen Polizeiangehörigen und Mitarbeitern der Verfassungsschutzbehörden.

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Der Schriftsteller und Wanderer zwischen West und Ost Joachim Seyppel ist tot

Wäre Joachim Seyppel nicht 1973 in die DDR übergesiedelt und daraufhin von Teilen der bundesdeutschen Medien mit einem Kübel an Schmähartikeln überschüttet worden, wer weiß, wann mir dieser Name jemals begegnet wäre. Aber so war mein Interesse geweckt. Während Andere aus der DDR zu entkommen suchten, ging er genau den entgegengesetzten Weg.

Vor allem zwei Bücher, die ich damals las, sind mir in Erinnerung geblieben: »Columbus Bluejeans oder Das Reich der falschen Bilder« und »Als der Führer den Krieg gewann oder Wir sagen ja zur Bundesrepublik«.

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Die Regisseurin und Autorin Annelie Thorndike ist tot

Das erste Mal begegnete mir der Name Annelie Thorndike in den sechziger Jahren als Drehbuchautorin und Regisseurin des zweiteiligen Dokumentarfilms »Das russische Wunder«, der die Geschichte Russlands vom Kaiserreich bis zur Sowjetunion erzählte. Oder genauer gesagt: ihr Name begegnete mir gemeinsam mit dem ihres Ehemannes Andrew Thorndike, der wie sie und weitere Filmschaffende als Regisseur und Drehbuchautor beteiligt war.

Auch wenn »Das russische Wunder« von Pathos strotzte, überzeugte der Film nicht nur mich, sondern mehr als 150 Millionen Menschen in aller Welt. An diese Eindrücke konnte der von Annelie und Andrew Thorndike verfasste Dokumentarband »Das russische Wunder« mit Bildern, Geschichten und Dokumenten zur Geschichte Russlands und der Sowjetunion nur eingeschränkt heranreichen, auch wenn er in der DDR in mehreren Auflagen erschien und wie schon der Film in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. Beide waren vor allem Filmemacher, weniger Autoren.

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