Ein kurzer Überblick über Schriften mit Versal-Eszett

Die Aufregung um das Versal-Eszett hat sich zwar gelegt, an der Frage, welche Schriften bereits über ein großes ẞ verfügen, ändert sich dadurch allerdings nichts. Eher im Gegenteil, die neue Möglichkeit muss auch genutzt werden können. Im Folgenden sollen deshalb einige Schriften mit Versal-Eszett vorgestellt werden. Bewusst beschränkt sich die Auswahl auf Schriften, die auf vielen Computern bereits standardmäßig installiert sind oder die kostenlos heruntergeladen und trotzdem auch kommerziell verwendet werden dürfen.

Die Abbildung weiter unten zeigt, dass es eine beträchtliche Zahl an Schriften gibt, auf die diese Kriterien zutreffen. Bei genauerer Betrachtung schwindet die anfängliche Freude allerdings schnell wieder, denn für Bücher kann nur eine Minderheit uneingeschränkt empfohlen werden. Das Gleiche gilt für studentische Hausarbeiten, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten und Dissertationen.

Schriften mit Serifen

Als erstes sollen die serifenbehafteten Schriften abgehandelt werden.

Auf fast allen Computern dürfte bereits die Times New Roman installiert sein. Die auf Stanley Morisons und Victor Lardents Times zurückgehende Schrift wirkt allerdings inzwischen ein wenig altbacken.

serife Schriften mit Versal-Eszett

Als Alternative bietet sich besonders die von Philipp H. Poll nach dem Vorbild der Times entwickelte Libertine an, die eleganter und moderner als ihr historisches Vorbild wirkt. Eher um eine gute Lesbarkeit auch auf dem Bildschirm ging es dagegen bei der im Auftrag von Redhat von Ascender Corp. entwickelten Liberation Serif. Beide Schriften sind meistens nur auf Computern mit dem Betriebssystem Linux installiert, lassen sich jedoch leicht auch unter Windows installieren und verwenden. Dass die Libertine offiziell unter LinLibertine fungiert, ist lediglich ihrer Herkunft geschuldet und bedeutet keine Einschränkung bei ihrer Verwendung.

Auf vielen Windows-Computern bereits installiert ist dagegen wiederum die von Jelle Bosma, Steve Matteson und Robin Nicholas für Microsoft entworfene Cambria. Aufgrund ihrer geringen Strichstärkenunterschiede fehlt es ihr ein wenig an Dynamik. Gleiches gilt für die meistens schon installierte Constantia von John Hudson.

Die folgenden serifenbehafteten Schriften müssen fast immer nachinstalliert werden.

Eher ein wenig dunkel präsentiert sich die Merriweather von Eben Sorkin. Leichter wirkt die von Alexandra Korolkova, Olga Umpeleva und Vladimir Yefimov gestaltete PT Serif. Ein wenig breiter laufend kommt die DejaVu Serif daher, die allerdings in größeren Schriftgraden etwas klobig wirkt. Leichter und eleganter wirkt die von Adobe beigesteuerte, aber trotzdem kostenlose Source Serif Pro.

Die geringen Strichstärkenunterschiede der von Google, Adobe und Monotype entwickelten Noto Serif deutet bereits darauf hin, dass sie gleichermaßen für den Druck wie für den Bildschirm optimiert wurde. Das Besondere der Noto ist, dass sie in irgendwann einmal alle im Unicode-Standard enthaltenen Schriftsysteme umfassen soll. Wegen des enormen Umfangs der Zeichenbelegung werden die einzelnen Schriftsysteme jeweils als separate Fonts angeboten. Derzeit gibt es bereits annähernd einhundert aufeinander abgestimmte Noto-Fonts. Eine aktuelle Übersicht der aktuell vorhandenen Sprachen und Schriftsysteme findet sich unter www.google.com/get/noto/.

Um typische Brotschriften für den Buchsatz handelt es sich bei der Charis SIL von Matthew Carter, der Gentium Plus von Victor Gaultney, der EB Garamond von Georg Duffner sowie der von Robert Slimbach für Adobe entworfenen Minion. Letztere ist wie ihr serifenloser Pendant Myriad Bestandteil des Acrobat Reader und darf auch außerhalb des Readers verwendet werden. Ist die Charis eine sehr breit laufende und kräftig daherkommende Schrift, wirken Gentium Plus, Minion und EB Garamond durch ihre Leichtigkeit und Eleganz, wobei letztere deutlich enger als die anderen läuft.

Schriften ohne Serifen

Ein breite Palette vielfach bereits installierter oder kostenlos nachzuinstallierender Schriften mit Versal-Eszett gibt es ebenfalls bei den serifenlosen Schriften.

sansserife Schriften mit Versal-Eszett

Berühmt ist die Arial, die Robin Nicholas und Patricia Saunders für Microsoft entwickelt haben. Allerdings stand bei ihrer Konzeption eine optimale Darstellung auf dem Bildschirm im Vordergrund. Im Druck sieht sie deshalb sehr plump aus. Da es bessere Alternativen gibt, fehlt für ihren Einsatz jeder Grund.

Eher kommt schon die von Lucas de Groot entworfene Calibri infrage. Stark an Erik Faulhabers Frutiger Next angelehnt hat sich Steve Matteson bei seiner Segoe UI. Auch sie sind im Auftrag von Microsoft entstanden. Ihre Stärke liegt in der Verwendung für Überschriften. Für komplette Bücher und studentische Leistungsarbeiten ist am ehesten noch die Segoe geeignet.

Das gleiche gilt auch für die Liberation Sans, Source Sans Pro, PT Sans, Biolinum (als Pendant zur Libertine), DejaVu Sans, Noto Sans, Myriad (als Pendant zur Minion) und Liberation Sans. Da sie bewusst in Anlehnung an ihre serifenbehafteten Schwestern gestaltet wurden, eignen sie sich jedoch besonders gut als passende Auszeichnungsschriften beispielsweise für Überschriften. Vor allem die Biolinum lässt sich aber auch als Brotschrift für den Fließtext vorstellen.

Schriften mit und ohne Serifen kombinieren

Sollen serife und sansserife Schriften kombiniert werden, bieten sich die aufeinander abgestimmten Schriftpaare PT Serif/PT Sans, Source Serif/Source Sans, Noto Serif/Noto Sans, DejaVu Serif/DejaVu Sans, Minion/Myriad und Libertine/Biolinum an.

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Eine Antwort auf Ein kurzer Überblick über Schriften mit Versal-Eszett

  1. Renate Blaes sagt:

    Was mir auffällt: Der Schnitt des Großbuchstabens ist bei den von dir gezeigten Schriften nahezu durchgängig größer. Hast du eine Erklärung bzw. Vermutung dafür?

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