Gebärdensprache und Gebärdensprachpoesie führen noch immer ein Schattendasein

Es ist kaum noch vorstellbar, dass noch in die achtziger Jahre hinein die Gebärdensprache in Deutschland an den Schulen weder gelehrt noch verwendet werden durfte. Dabei handelt es sich bei ihr um eine vollständige, komplexe natürliche Sprache, wie Gebärdensprachlinguist Markus Steinbach in einer Vorlesung an der Freien Universität Berlin unterstrich.

Rechtlich anerkannt wurde sie trotzdem erst 2002 durch das Behindertengleichstellungsgesetz. Ihre Anerkennung als Minderheitensprache indes steht weiterhin aus.

Eine entsprechende Petition wurde Ende 2012 vom Bundestag abgelehnt, weil nach der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen nur »die traditionell in einem Vertragsstaat gesprochenen Sprachen als Teil des europäischen Kulturerbes bewahrt und gefördert werden« sollen, die Gebärdensprache aber » keine Lautsprache, sondern eine spezielle Hilfs- und Ausdruckssprache [ist], die neben Mimik und Körperhaltung auch Handzeichen verwendet. In den Anwendungsbereich der Sprachencharta fallen jedoch lediglich Lautsprachen.«

Seit der Anerkennung durch das Behindertengleichstellungsgesetz hat sich zwar viel zugunsten gehörloser Menschen verändert, aber die jahrzehntelange Weigerung, die Gebärdensprache als gleichberechtigte Sprache anzuerkennen, wirkt bis heute fort. Noch immer müssen Schulen um Gebärdendolmetscher kämpfen und gibt es kaum Schulen mit Gebärdensprache als Fremdsprache, noch immer fehlt es an Lehr- und Lernmitteln zur Vermittlung der Gebärdensprache, noch immer werden nur wenige Fernsehsendungen und Filme mit Gebärdensprache untertitelt und noch immer werden Tagungen und Konferenzen selten in Gebärdensprache gedolmetscht.

Das wichtigste Argument ist meistens fehlendes Geld, aber auch Verzögerungen im Unterrichts- und Tagungsablauf werden oft befürchtet. Tatsächlich, sagt Steinbach, erreicht Gebärdensprache aber sogar einen leichten Zeitvorteil gegenüber der Lautsprache. Der Grund: Im Gegensatz zur eindimensional angelegten Lautsprache handelt es sich bei der Gebärdensprache um eine vierdimensionale Sprache.

Wer Gebärdensprache verwendet, spricht gleichzeitig mit den Händen, dem Gesicht, dem Kopf und dem Oberkörper, wie beispielsweise Jürgen Endress’ ABC-Story »Im Zug« und das Video »Wenn Liebe Farbe trifft« zeigen. Lassen sich mit der Lautsprache parallel ablaufende Geschehnisse nur nacheinander erzählen, können mit Gebärdensprache parallel ablaufende Geschehnisse gleichzeitig erzählt werden.

Eine Talkshow im Achterbahn TV mit dem Gebärdensprachpoeten Jürgen Endress zeigt, wie problemlos Lautsprache und Gebärdensprache nebeneinander herlaufen können, ohne dass einer auf den anderen warten müsste.

Im Gegensatz zu einem weitverbreiteten Irrtum handelt es sich bei der Gebärdensprache übrigens nicht um eine Übersetzung der deutschen Laut- und Schriftsprache in Gebärden, sondern um eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und Worten. So konnte sich auch eine eigenständige Gebärdensprachpoesie entwickeln, deren Übersetzung in die deutsche Laut- und Schriftsprache oft eine ähnliche Herausforderung darstellt wie die Übersetzung eines poetischen Textes beispielsweise aus dem Englischen ins Deutsche.

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