Nicht nur in »Felix Guttmann« setzte sich Peter Härtling literarisch mit der deutschen Vergangenheit auseinander

Bei der Büchergilde Gutenberg erscheinende Bücher sind häufig viel mehr als einfach nur Bücher, oft sind es wahre kleine bibliophile Kostbarkeiten. Sind es dann auch noch literarische herausragende Titel wie Peter Härtlings Roman »Felix Guttmann«, macht es doppelt Spaß, sich in sie zu vertiefen.

Sicherlich trug auch die sehr gelungene typographische Gestaltung dazu bei, dass mich »Felix Guttmann« damals wie heute so begeistert. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, »Felix Guttmann« bedürfe dieser gestalterischen Aufwertung. Im Gegenteil: Er hat sie verdient. Zugegeben sei allerdings, dass dies auch andere Romane Härtlings verdient hätten.

»Felix Guttmann« kommt wie viele andere Bücher Härtlings in Form einer Biographie her.

Im Mittelpunkt steht der Namensgeber des Romans, geboren 1906 in Breslau als Sohn eines liberalen jüdischen Tuchhändlers, in der Schule wegen seiner schmächtigen Gestalt und seines Judeseins von den Jungen gehänselt, von den Mädchen und später den Frauen dagegen angeschwärmt, in Berlin Jura studierend, den Aufstieg der Nazis erlebend und die Gefahr lange unterschätzend, sich endlich als Jude und bedroht begreifend, in letzter Minute nach Palästina entkommend, als US-Soldat mit israelischem Pass 1948 nach Deutschland zurückgekehrt und hier 1977 bei einem Unfall gestorben – Guttmann könnte tatsächlich und genau so gelebt haben.

Und in der Tat: Der Roman ist, wie Günther Schloz es 1985 sehr treffend in der Zeit formulierte, ein »perfektes zeithistorisches Patchwork«. Tatsächlich handelt es sich bei Felix Guttmann um kein reines Kunstprodukt, sondern verbirgt sich hinter ihm vielmehr Alexander Besser, der 1899 in Forst in der Lausitz geboren wurde, in Breslau und Berlin Rechts- und Staatswissenschaften studierte, 1937 nach Palästina flüchtete, 1950 nach Deutschland zurückkehrte, hier als Rechtsanwalt NS-Opfern zumindest zu einer materiellen Wiedergutmachung zu verhelfen suchte und 1978 bei einem Verkehrsunfall sein Leben verlor.

Besser sei ihm ein Freund gewesen, sagte Härtling mal, der ihm den früh verstorbenen Vater zwar nicht ersetzen konnte, aber immer »ein Maß und eine Lehre für mich« gewesen sei.

Für den Roman wertete Härtling eigene Erinnerungen und Aufzeichnungen genauso aus wie Aufzeichnungen und Dokumentes seines Freundes. Schon die obigen Kurzbiographien von Guttmann und Besser lassen erkennen, dass Härtling mit der historischen Vorlage sehr großzügig umging, auch wenn er seinem Freund mit dem Roman ein Denkmal setzen wollte. Indem er dessen Biographie zwar als Ausgangspunkt nimmt, sie jedoch verändert und in ein virtuos komponiertes Umfeld einbettet, erweist er ihm eine Ehrung, die weit über ein einfaches Erinnern hinaus geht und das ganze jüdische Volk genauso wie alle jene Menschen einschließt, die gegen die aufziehende und schließlich wütende Nazibarbarei Widerstand leisteten.

Vergeblich hatte Felix’ einziger Freund, Casimir, versucht, ihn für die KPD und als Mitstreiter für den Kampf gegen den immer militanter werdenden Antisemitismus und aufziehenden Nationalsozialismus zu gewinnen. Lediglich einmal verteidigt er als Rechtsanwalt den Sohn eines Sozialdemokraten, als dieser in das Fadenkreuz von SA und Polizei gerät. Ansonsten blendet er wie so viele Deutschen – und darunter auch die immer massiver und offener verfolgten Juden – die rechte Gefahr aus.

Selbst als den jüdischen Anwälte die Gerichtszulassung genommen und Casimir von der Gestapo verfolgt wird, glaubt er noch, als juristischer Berater bei der die Ausreise von Juden nach Palästina organisierenden Palästina-Agentur sicher zu sein. Erst als er zu Eichmann vorgeladen und nach Casimir befragt wird, erkennt Felix die auch ihm drohende Gefahr und verlässt Deutschland.

Die deutsche Vergangenheit spielt in vielen Büchern Härtlings eine Rolle. So stehen in »Große, kleine Schwester« zwei im heutigen tschechischen Brno geborene Schwestern im Mittelpunkt, die der Krieg und die folgende Vertreibung nach Deutschland verschlägt. In »Božena« geht es um eine junge Tschechin, die während der deutschen Okkupation der Tschechoslowakei bei einem, den Nazis keinewegs aufgeschlossenen deutschen Rechtsanwalt arbeitet und deshalb nach der Befreiung als Faschistenhure und Nazinutte beschimpft wird. In »Janek« lässt er wiederum einen jungen Tschechen seine Identität suchen: Ist er deutscher, tschechischer, jüdischer oder ruthenischer Herkunft? Von den Deutschen wird er jedenfalls als Juden gefoltert und von den Tschechen als Deutschen vertrieben. Ganz der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte widmet sich Härtling in »Nachgetragene Liebe« und »Leben lernen«.

Auch im hohen Alter konnte er das Schreiben nicht aufgeben. Dazu hatte er den Menschen viel zu viel zu sagen. Als letztes Werk erschien 2016 das Jugendbuch »Djadi, Flüchtlingsjunge«.

Am 10. Juli 2017 ist Peter Härtling im Alter von 83 Jahren gestorben.

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