Nach mehr als 100 Jahren ist das Versal-ß endlich offiziell anerkannt

Endlich gibt es das große Eszett auch offiziell. Nachdem die Kultusminister der deutschen Länder und die Zuständigen in Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Bozen-Südtirol und Belgiens dem Vorschlag des Rats für deutsche Rechtschreibung zugestimmt haben, darf das Versal-Eszett jetzt auch offiziell anstelle des bisher allein zulässigen Doppel-S verwendet werden.

Dabei ist die Idee des Versal-ẞ schon weit über hundert Jahre alt. Doch der Weg zur offiziellen Anerkennung war lang und steinig.

Solange im deutschsprachigen Raum gebrochene Schriften dominierten, bestand kaum ein Bedarf an einem großen Eszett. Sollten Textstellen hervorgehoben werden, wurden sie gesperrt gesetzt, aber nicht in Versalien. Doch Ende des 19. Jahrhunderts begannen auch im deutschsprachigen Raum Antiqua-Schriften, ihren Einzug zu halten. Jetzt wurde weniger durch Sperren als vielmehr zunehmend durch Versalien hervorgehoben.

Schon der Duden von 1925 sah im Doppel-S nur ein Notbehelf

Bereits 1879 schlug das Journal für Buchdruckerkunst deshalb die Einführung eines Versal-ß vor. Selbst der Duden erkannte schließlich den Bedarf und erklärte 1925 die Ersetzung durch ein Doppel-S als »ein Notbehelf, der aufhören muss, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe für das große ß geschaffen ist«.

Danach tat sich allerdings kaum noch etwas. Oder genauer gesagt, es ging sogar rückwärts. Seit 1984 war die Ersetzung durch ein Doppel-S für den Duden kein Notbehelf mehr. Auch in dem 2006 herausgegebenem amtlichen Regelwerk »Regeln und Wörterverzeichnis« hieß es noch kurz und knapp nur: »Jeder Buchstabe existiert als Kleinbuchstabe und als Großbuchstabe (Ausnahme ß) […] Bei Schreibung mit Großbuchstaben schreibt man SS«.

Als der Rat für deutsche Rechtschreibung 2016 seine Vorschlag vorlegte, das große ẞ offiziell anzuerkennen, kam das deshalb für viele einem Paukenschlag gleich. Unter der Überschrift »Ein Paukenschlag: Das große ß wird offiziell« findet sich dazu in diesem Blog ein ausführlicher Beitrag. Die Zustimmung der Kultusminister der deutschen Länder und der Zuständigen in Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Bozen-Südtirol und Belgien war letztlich nur noch eine Formsache.

Bei den Schriftgestaltern stießen die Überlegungen des Journal für Buchdruckerkunst von Anfang an auf mehr Widerhall. Erste Entwürfe für ein Versal-Eszett wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts vorgelegt. Bis zur Umsetzung dauerte es allerdings noch gut zwei Jahrzehnte. Doch 1905 war es soweit: Mit der Schelter Antiqua Nr. 24 stellte die Leipziger Schriftgießerei Schelter & Giesecke vermutlich die erste Schrift mit einem Versal-ß vor. Wer sie entworfen hat, ist allerdings nicht überliefert.

Dass es trotzdem mit dem Versal-Eszett nicht voranging, hat viele Gründe. Doch seitdem 2007 das Versal-ß unter dem Zeichencode 1E9E in den Unicode-Standard aufgenommen wurde, war sein Siegeslauf nicht mehr aufzuhalten. Daran wird auch die eher konservative Selfpublisher-Szene nichts mehr ändern können, in der gegen das Versal-ß als völliger Unfug, totaler Schwachsinn, von niemandem gebraucht, Zeugnis deutscher Bürokratie, Papiertiger und Supergau gewettert wird.

Versal-ẞ und Doppel-S sollen gleichberechtigt koexistieren

Unter den Buchgestaltern, Setzern, Korrektoren und Coverdesignern überwiegt dagegen die Zustimmung. Endlich entfallen unterschiedliche Schreibweisen im Versalsatz – beispielsweise auf dem Cover – und im Buchblock, muss mit Kunden nicht mehr darüber diskutiert werden, dass im Versalsatz das Eszett durch ein Doppel-S ersetzt werden muss und kein kleines Eszett hineingeschummelt werden darf. Und endlich brauchen Leserinnen und Leser nicht mehr zu rätseln, ob vielleicht nur der Korrektor geschlafen hat, wenn in Fachbüchern Namen mal mit Doppel-S und mal mit ß geschrieben werden.

Dass weiterhin auch die Variante mit dem Doppel-S zulässig ist, mag inkonsequent erscheinen. Tatsächlich hat die Rechtschreibreform von 1996 in vielen Fällen eine Wahlmöglichkeit eingeführt. In Gegensatz zu diesen hätte der Verzicht auf eine Wahlmöglichkeit beim Versal-ß für viele Computeranwender hohe Ausgaben für neue Schriften zur Folge gehabt. Von daher ist es nur konsequent, beide Varianten für regelkonform zu erklären.

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Um eine möglichst fehlerfreie Darstellung dieses Blogbeitrages auf allen Computern zu gewährleisten, wurde weitgehend auf die Verwendung des Versal-ß verzichtet. Verstöße gegen die Rechtschreibregeln waren deshalb nicht zu vermeiden.

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Eine Antwort auf Nach mehr als 100 Jahren ist das Versal-ß endlich offiziell anerkannt

  1. Renate sagt:

    Danke für den interessanen Beitrag, lieber Heinz.
    Worauf ich bislang noch nirgendwo eine Antwort gefunden habe: Wie kommen die Computerbesitzer an das versale Estett ran. Neue Schriften bzw. aktualisierte Schriftschnitte kaufen?
    Und damit stellt sich sofort die nächste Frage: Bei welchen Schriften gibt es das Versal-Eszett bereits? Ich hab mal gegoogelt und diesen Link gefunden:
    http://typografie.info/download/versaleszett.pdf