In Deutschland zu unrecht kaum bekannt: der chilenische Lyriker Gonzalo Rojas

Gonzalo Rojas gilt zwar als einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Lyriker der Gegenwart, in Deutschland allerdings ist sein Namen bislang nahezu unbekannt. Dazu hat auch beigetragen, dass seine wenigen bisher ins Deutsche übersetzten Bücher bereits seit Jahren nur noch antiquarisch erhältlich sind. Doch mit der Anthologie »Atemübung« könnte sich das jetzt ändern.

Auf 240 Seiten versammelt der in der Edition Schwarzdruck erschienene Band, wie es im Untertitel heißt, »Gedichte aus sieben Jahrzehnten«. Die meisten sind für diesen Band erstmals übersetzt worden.

Dass sich die Verlage bis heute mit Rojas schwer tun, liegt auch an den großen Herausforderungen, die seine Gedichte an Übersetzer stellen. Klang, Rhythmus und Syntax seiner Sprache lassen sich im Deutschen nur schwer eins zu eins abbilden. Für Reiner Kornberger, der sich bereits 2005 mit der Anthologie »Das Haus aus Luft«
als kongenialer Nachdichter von Rojas bewiesen hat, stand auch diesmal wieder der von Rojas selbst als Charakteristikum seiner Dichtung hervorgehobene Sprachrhythmus im Vordergrund.

Des Spanischen kundige Leserinnen und Leser können selbst überprüfen, wie das Kornberger gelungen ist, denn seinen deutschen Nachdichtungen hat der Verlag jeweils die spanischen Originale gegenübergestellt.

Die Themen von Rojas’ Gedichten sind weit gefächert. Sie reichen von ganz allgemein Gefühlen über die Liebe und Moral über die Dichtkunst und die Natur bis zur Gesellschaftskritik. Ähnlich prononcierte politische Aussagen wie bei seinem berühmten Landsmann Pablo Neruda finden sich bei Rojas allerdings nicht. Parteilich indes war auch er.

Davon zeugen Gedichte wie »Schriftstück mit L«, »Achter Oktober«, »Datiert im Oktober«, »Sebastián Acevedo« und »Keinste«.

In »Schriftstück mit L« greift er beispielsweise die Praxis der Militärjunta von Pinochet auf, die Pässe der ins Exil gehenden Chilenen mit einem L zu stempeln, um ihre Rückkehr zu verhindern. Mit einem L beginnen jedoch auch die Worte »libertad« (Freiheit) und »locura« (Wahnsinn, Verrücktheit). Da es im Deutschen keine Entsprechungen mit einem L gibt, hat Kornberger sich hier für eine sehr freie Übersetzung mit »Lust am Leben« und »Leichtsinn« entschieden.

In »Achter Oktober« verarbeitet Rojas die Gefangennahme und Ermordung des kubanischen Revolutionsführers Che Guevaras im Oktober 1967 in den bolivianischen Anden. In »Datiert im Oktober« gedenkt er des Gründers der chilenischen Bewegung der Revolutionären Linken (MIR), Miguel Enríquez, der 1974 in einem Feuergefecht mit der Geheimpolizei des Pinochet-Regimes sein Leben verlor.

Sebastián Acevedo wiederum hatte sich selbst vor der Kathedrale von Concepción angezündet, um gegen die Verschleppung seiner beiden Kinder durch den Geheimdienst der Pinochet-Junta zu protestieren. Der öffentliche Druck bewirkte zwar ihre Freilassung, doch Acevedo erlag kurz darauf seinen schweren Brandverletzungen.

Ebenfalls um ein Verbrechen der chilenischen Militärjunta geht es in »Keinste«. 1974 hatte sie den Architekten Alejandro Rodríguez auf dem Weg zur Arbeit gekidnappt und verschwinden lassen. Wie ihn ließen die Militärs in Chile annähernd 3000 Menschen verschwinden. Kann das Pronomen »ninguno« (keiner) im Spanischen im Gegensatz zum Deutschen niemals im Plural stehen, setzt sich Rojas in »Keinste« über diese Regel hinweg. Beides ist ein Regelverstoß: die Verwendung von »ninguno« im Plural und das Verschwindenlassen von Menschen. Um diesen Regelverstoß zumindest anzudeuten, hat Kornberger »ninguno« mit dem nicht existierenden »Keinste« übersetzt.

Lehnte Rojas für sich einerseits jede »Anhängerschaft« rigoros ab, ist er andererseits doch ein glühender Anhänger erst der kubanischen Revolution und später der chilenischen Unidad Popular. So wird er nach dem Wahlsieg von Salvador Allende 1971 als Kulturattaché der Volksfrontregierung nach China entsandt und ein Jahr in gleicher Funktion nach Kuba. Als 1973 die Militärs unter Augusto Pinochet gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende putschen und ihm den Pass entziehen, geht Rojas in die DDR ins Exil.

Doch bald ist er über die DDR enttäuscht. Zwar wird ihm ein Lehrstuhl an der Universität Rostock übertragen, doch Studenten unterrichten lässt man ihn nicht. Sein Unverständnis darüber gibt er im Gedicht »Ostsee-Domizil« dichterischen Ausdruck. Auch zu einer Buchveröffentlichung kommt es nicht.

Dass in diesem Blogbeitrag vor allem seine politischen Gedichte genannt werden, bedeutet nicht, dass sie das Gros der Gedichte in »Atemübung« ausmachen. Zu seinen schönsten Gedichten gehört zweifellos die Liebeslyrik. Schwülstig-kitschige Verse wird man allerdings vergeblich suchen. Eher sind es ungewohnte Wendungen, die man findet. Genannt werden sollen hier nur »Das Wort Lust« und besonders »Die Fleischeslust«. Ein Zitat aus letzterem zeigt die Eigenwilligkeit von Rojas’ Sprache, die alle seine Gedichte auszeichnet:

Ich küsste dich auf die Bögen der Brauen und die Brustwarzen, ich
küsste turbulent dich,
meine Verschämte, auf diese Schenkel
einer weißen Individue, berührte diese Füße,
[…]
ich bis dich bis in die letzten
Mohnknospen, meine Besessene, und noch weiter
wahnwärts trieb ich dich, in der blinden
Kühle, ließ dich schwimmen
im unermesslichen
Nimmersatt der Wolllust […]

Mit »Atemübung« hat die Edition Schwarzdruck die im deutschsprachigen Raum bislang umfangreichste Sammlung von Rojas’ Gedichten vorgelegt. Die gesamte Publikationsliste von Rojas umfasst allerdings nahezu 60 Bücher. So bleibt nur zu hoffen, dass »Atemübung« Lust auf mehr macht.

Noch bis zum 30. Juni 2017 zeigt das Instituto Cervantes in Berlin eine Fotoausstellung über Gonzalo Rojas.

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