Vor 100 Jahren wurde mit dem Malik-Verlag der wichtigste Verlag für linksrevolutionäre Literatur gegründet

»Kaum ein Verlag in Deutschland hat so scharf profilierte und einprägsame, dabei qualitativ hochwertige Erzeugnisse herausgegeben« wie der Malik-Verlag, gratulierten die sozialdemokratischen »Monatsblätter für Kultur der Arbeiterschaft« Kulturwille 1927 dem von den Brüdern Herzfelde gegründeten Verlag zu seinem zehnjährigen Bestehen.

Als der Malik-Verlag 1917 gegründet wurde, tobte noch der Erste Weltkrieg. Eine straffe Zensur unterdrückte jegliche Antikriegsliteratur und überhaupt aufrührerische Literatur. Um den Verlag überhaupt gründen zu können, hatten Wieland Herzfelde und sein Bruder Helmut – der sich seit 1916 aus Protest gegen den englandfeindlichen Nationalismus des deutschen Kaiserreiches John Heartfield nannte – deshalb zu einem Trick greifen müssen: Dem Chef der Zensur, General von Kessel, wurde eingeredet, dass der Verlag Else Lasker-Schülers Roman »Der Malik« drucken wolle, in dessen Mittelpunkt der türkische Prinz Malik und somit ein wichtiger Verbündeter Deutschlands stehe.

Tatsächlich allerdings ist Lasker-Schülers Malik »fest entschlossen, unter keiner Bedingung sich an dieser Menschenschlacht zu beteiligen«. Vermutlich auch, weil Lasker-Schüler zuvor nie öffentlich gegen den Krieg Position bezogen hatte, schaute sich bei der Zensurbehörde niemand den Roman genauer an. So konnte der Malik-Verlag am 1. März 1917 ins Berliner Firmenregister eingetragen werden und seine verlegerische Tätigkeit aufnehmen.

100 Jahre Malik-Verlag
Ausstellung zum 100. Jahrestag des Malik-Verlages in der Galerie FMP1 in Berlin
Foto: Heinz W. Pahlke

Binnen weniger Jahre entwickelte sich der Malik-Verlag zum größten linken Buchverlag in Deutschland. Zu den ersten Titeln gehörten Theodor Däublers »Hymne an Venedig«, zwei Graphikmappen von George Grosz, Wieland Herzfeldes Gedichtsband »Sulamith«,
Ludwig Erharts Pamphlet »Dieser Friede wird kein Brest-Litowsk!«, Wieland Herzfeldes Bericht »Schutzhaft« über seine zweiwöchige Haft im März 1919 wegen der Herausgabe der Zeitschrift Jedermann sein eigner Fussball und Jules Talbot Kellers »Was sind Revolutionen?«.

Es folgten Autoren wie Richard Huelsenbeck, Franz Jung, Hermynia zur Mühlen, Erich Mühsam, Karl August Wittfogel, Oskar Maria Graf, Johannes R. Becher, Slang, F. C. Weißkopf und Theodor Plivier.

Einen besonders breiten Raum nahmen sowjetische und klassische russische Schriftsteller wie Maxim Gorki, Ilja Ehrenburg, Isaak Babel, Lydia Sejfullina, Leo Trotzki, Alexander Block und Leo N. Tolstoi sowie der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair ein.

Beschlagnahmungen und Prozesse waren die Regel

Obwohl die Bücher teilweise fünfstellige Auflagen erlebten, musste der Malik-Verlag die meiste Zeit seines Bestehens um sein Überleben kämpfen. Zum einen war der Verlag das »Mittel zum Zweck der Verbreitung weltanschaulicher, künstlerischer, politischer, wissenschaftlicher Überzeugungen«, wie Wieland Herzfelde 1927 schrieb. Dabei komme es aber »fast niemals zum Verdienen«. Viele Arbeiterfamilien hatten kaum mehr, als zum Überleben nötig war. Um auch sie als Leser gewinnen zu können, mussten die Preise äußerst knapp kalkuliert werden.

Zum anderen war er ständiger Verfolgung ausgesetzt. Im Februar 1919 wurde die erste (und einzige) Ausgabe der Zeitschrift Jedermann sein eigner Fussball wegen Walter Mehrings antimilitaristischem Dada-Gedicht »Der Coitus um Dreimädlerhaus« beschlagnahmt. Im März 1919 brachte Wieland Herzfelde diese Zeitschrift schließlich auch noch zwei Wochen »Schutzhaft« ein. Im Januar 1920 wurde wieder einmal die Zeitschrift Die Pleite beschlagnahmt und dieses Mal endgültig verboten. Im September und Oktober 1920 folgte die Beschlagnahmung der Grosz-Mappe »Gott mit uns«, die Grosz und Herzfelde jeweils sechs Wochen ins Gefängnis brachte. Im März 1923 wurde Grosz’ Mappe »Ecce Homo« beschlagnahmt, für die Herzfelde, Grosz und Julian Gumperz im Februar 1924 zu Geldstrafen verurteilt wurden. Im August 1923 war bereits die Grosz-Mappe »Mit Pinsel und Schere« beschlagnahmt worden, wegen der Herzfelde und Grosz schließlich im Februar und März 1924 wegen Verbreitung unzüchtiger Abbildungen zu Geldstrafen verurteilt wurden.

Im April 1928 wurden mehrere Blätter aus Grosz’ Mappe »Hintergrund« beschlagnahmt und im Mai des gleichen Jahres Herzfelde und Grosz wegen »Gotteslästerung« und »Beschimpfung von Einrichtungen der christlichen Kirchen« angeklagt. Nach einer Verurteilung in der ersten Instanz wurden beide schließlich in mehreren Berufungsverhandlungen jeweils freigesprochen.

Reiche Mäzene halfen dem Verlag über viele finanzielle Engpässe

Diese Beschlagnahmungen und Prozesse brachten dem Malik-Verlag zwar viel öffentliche Beachtung ein, kosteten ihm aber natürlich auch viel Geld. Auf finanzielle Unterstützung vonseiten seiner überwiegend aus dem Arbeitermilieu kommenden Leserinnen und Leser konnte er jedoch kaum setzen, denn die meisten mussten selbst jeden Groschen zwei Mal umdrehen. Dass der Verlag trotzdem finanziell überleben konnte, hatte er vor allem einigen Förderern aus der Großbourgeoisie zu verdanken. Zu nennen sind hier besonders der Bankierssohn und Kunstmäzen Harry Graf Kessler, der einer reichen Industriellenfamilie entstammende Sozialwissenschaftler Julian Gumperz, der Grubenbesitzer H. C. Stark und der Multimillionär und Nationalökonom Felix Weil.

Bis zur Machtübergabe an die Nazis erschienen im Malik-Verlag in Berlin insgesamt 299 Titel. Iihnen folgten aus dem Prager und Londoner Exil bis 1939 noch einmal 45 Titel.

Unter dem Titel »Kabinett Malik – 100 Jahre Malik Verlag« gewährt die Galerie FMP1 am Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin noch bis zum 28. Mai 2017 einen kleinen Einblick in die Geschichte des Verlages und einen Überblick über die verlegten Bücher und Graphikmappen. Vor allem die Graphiken von George Grosz und die Bücher lohnen einen Besuch.

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