Geschickt gegendert: Wenn aus Komponisten kompositionstätige Personen werden

Gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht. Das trifft auch auf das Genderwörterbuch »Geschickt Gendern« zu. Dabei ist die Idee keineswegs schlecht. Oder im Gegenteil: Sie ist sogar hervorragend. Die Umsetzung allerdings … An ihr hapert es leider sehr. Neben vielen guten Formulierungsvorschlägen wimmelt es an Vorschlägen, die in Beamtenstuben ausgeheckt worden sein könnten.

Zu ersteren gehören Vorschläge wie, »[D]er ein oder andere« durch »die eine oder der andere« zu ersetzen, »Alkoholiker« durch »Alkoholsüchtige«, »Benutzerordnung« durch »Benutzungsordnung«, »Brüderlichkeit« durch »Mitmenschlichkeit; Solidarität«, »Fußgängerstreifen« durch »Zebrastreifen«, »Referenten« durch »Referierende; Vortragende«, »Studenten« durch »Studierende«, »Vertragspartner« durch »Vertragsparteien« oder »Zuhörer« durch »Publikum; Auditorium«. Gegen sie ist wenig einzuwenden.

Ihnen stehen jedoch Vorschläge gegenüber, die sprachlich zumindest fragwürdig sind.

Prangt an der Nachbarwohnung plötzlich ein fremdländisch klingender Name, ist dort vermutlich nicht mehr ein »Ausländer« eingezogen, sondern eine
»Person aus dem Ausland; Person nichtdeutscher Herkunft; ausländische Person; Person mit anderer Staatsangehörigkeit«. Natürlich lade ich zukünftig auch keine »Kollegen« mehr ein, sondern die »Kollegschaft« oder das »Kollegium«, obwohl ich nicht vorhabe, unter die Lehrer zu gehen, im Kaufhaus suche ich selbstverständlich nicht mehr nach einem »Verkäufer«, sondern nach dem »Kaufhauspersonal« oder einfach nur dem »Personal«.

»Bauarbeiter« werden zu »Bauarbeiten ausführendes (Fach-)Personal«, »Apotheker« zu »Arzneikundige« und »Absolventen« zu »Abschluss inhabende Person[en]; Person[en] mit Abschluss«. Der »Diplomingenieur« mutiert zur »diplomierte[n] technische[n] Fachkraft«, der »Facharzt« wird eine »ärztliche Fachkraft« und der »Komponist« eine »musikschaffende Person; kompositionstätige Person«.

Vermutlich nichts dagegen einwenden hätten allerdings der Linken-Politiker Klaus Lederer und die Grünen-Politikerin Ramona Popp, wenn sie vom »Bürgermeister« zum »Stadtoberhaupt« aufsteigen würden. Dass in Berlin – und ebenso in Hamburg und Bremen – die Stellvertreter des Stadtoberhauptes traditionell den Titel Bürgermeister tragen, wurde bei den Vorschlägen dummerweise übersehen.

Lebhaften Widerspruch dürfte auch die Idee ernten, »Dozenten« als »Dozierende« zu bezeichnen. Wenn einem schon eigenes Sprachgefühl abgeht, hilft oft ein Blick in den Duden. Da erfährt man beispielsweise, dass dozieren sowohl als »an einer Hochschule o. Ä. lehren, Vorlesungen halten« verstanden werden kann wie auch als »in lehrhaftem Ton reden; […] schulmeistern«. (Dass es auch Dozentinnen und Dozenten gibt, auf die Letzteres zutrifft, steht auf einem ganz anderen Blatt.)

Nur als kurios bezeichnet werden kann es, wenn aus der weiblichen – die – »Meisterschaft« ein männlicher – der – »Wettbewerb« werden oder der männliche »Bürgersteig« durch den ebenfalls männlichen »Fußweg« ersetzt werden soll, zumal es nicht in jedem Wettbewerb um eine Meisterschaft geht und nicht jeder Fußweg zugleich ein Bürgersteig ist.

Das Ärgerliche an solchen misslungenen Vorschlägen ist, dass sie häufig dazu dienen, das Gendern ganz grundsätzlich in Misskredit zu bringen. Auch wenn die Betreiberin des Genderwörterbuchs meint, dass »[g]endergerechte Sprache […] beim Schreiben wie Lesen elegant sein« kann, die Wirklichkeit sieht anders aus. Tatsächlich erweist sich das Gendern als wesentlich komplizierter. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt, dass der Zweck die Mittel heiligt und dieses für »elegant« erklären, ob damit jedoch wirklich ein bewussterer Umgang mit unserer Sprache erreicht wird, muss sehr bezweifelt werden.

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