Regina Scheer auf der Suche nach Spuren des jüdischen Kinderheims Ahawah in der Berliner Auguststraße

Die Fenster im Erdgeschoss sind zugeklebt, von der Toreinfahrt bröckelt der Putz und ab dem ersten Stock ist die Fassade mit einem Netz zugehangen. Der Verfall ist nicht zu übersehen. Dabei ist es kein Haus wie viele andere. Eine Gedenktafel verkündet vielmehr, dass sich hier einst das jüdische Kinderheim Ahawah befand, bevor die Nazis es zu einem Sammellager für zur Deportation vorgesehene alte und kranke jüdische Menschen bestimmten.

Dass die Geschichte dieses Hauses dem Vergessen entrissen wurde, ist vor allem der Schriftstellerin Regina Scheer zu verdanken. Über Jahrzehnte hat sie Spuren gesucht und Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen zusammengetragen. Die Ergebnisse hat sie schließlich in dem Buch »AHAWAH. Das vergessene Haus: Spurensuche in der Berliner Auguststraße« zusammengefasst.

Angefangen hatte alles 1964, als Scheer an die Erweiterte Oberschule (EOS) Max Planck in der Auguststraße 14–16 wechselte.

Während der vier Jahre, die sie hier zur Schule ging, fiel ihr auf, wie anders diese Schule war. Die Klassenräume waren ungewöhnlich groß, wahre Säle, die teilweise seitliche Guckfenster hatten, hinter denen schmale Kammern lagen. Von einer Reinigungsfrau erfuhr sie, dass die Schule einst ein »Judenhaus« war. Mehr wollte diese nicht verraten. Von ihren Lehrern erfuhr Scheer, dass sich hier einst ein jüdisches Altersheim befand. Mehr wussten sie nicht und wollten sie auch nicht wissen.

Scherer lässt das Geheimnis nicht mehr los. In den Folgejahren beginnt sie zu recherchieren und stößt dabei auf eine Mauer des Schweigens. Nicht anders als in der BRD wollen auch in die Menschen in der DDR nichts gewusst haben: dass dieses Gebäude 1858 bis 1861 als jüdisches Krankenhaus erbaut wurde, welches 1914 in einen Neubau in den Wedding umzog, dass hier ab 1922 das jüdische Kinderheim Ahawah untergebracht war und dass die Nazis hier 1939 eine Sammelunterkunft für alte und kranke jüdische Menschen einrichteten, die von hier nach Theresienstadt oder direkt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden.

Das ehemalige jüdische Kinderheim Ahawah in der Berliner Auguststraße
Das ehemalige jüdische Kinderheim Ahawah in der Berliner Auguststraße
Foto: Heinz W. Pahlke

Nichts wollten sie gesehen, nichts gewusst haben. So wird es eine äußerst mühselige Spurensuche. Auch die politisch Verantwortlichen in Ostberlin zeigen sich wenig interessiert, und bei einer Recherche im Archiv des Westberliner Oberfinanzpräsidenten, in dem die beim Oberfinanzpräsidenten von Berlin-Brandenburg geführten Transportlisten und Listen über die als Vermögenseinziehung verharmloste Enteignung der Juden lagerten, erweist sich der Aktenverwalter gar als überzeugter Judenhasser.

Doch Scheer findet auch Menschen, die damals im Ahawah gearbeitet oder ihre Kindheit verbracht haben. Und sie trifft ebenso auf Menschen, die in der Zeit des Faschismus ihre Augen offenhielten, die genau beobachteten, was um sie herum geschah, und die vor allem den Verfolgten auch zu helfen versuchten.

Herausgekommen ist so ein spannendes und zugleich lehrreiches Buch über anderthalb Jahrhunderte deutscher und jüdischer Geschichte.

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