Kritik am Grimme-Preis für #GastOderSpast

Tabus zu brechen, ist modern geworden. Natürlich nur bestimmte Tabus. Dass beispielsweise die Menschenjagd mittels Drohnen staatlich sanktionierter Mord ist, gehört selbstverständlich nicht dazu. Werden aber zum Beispiel Menschen in den Massenmedien als »Spast« beschimpft, wird das flugs für »vorbildlich und modellhaft« erklärt. Eine Jury-Mehrheit des Grimme-Preises fand jedenfalls nichts daran, den Kabarettisten und Moderator Oliver Polak mit genau diesem Preis auszuzeichnen.

Lange wurde seine Late-Night-Talk »Applaus und Raus!«, für die er die Auszeichnung erhielt, in den Social Media mit dem Hashtag #GastOderSpast beworben. Um zu wissen, dass »Spast« oder, wie es häufiger heißt, »Spasti« stark abwertend gemeint ist, muss man nicht erst den Duden befragen. Mindestens zwei Jury-Mitglieder sprachen sich deshalb gegen die Verleihung des Grimme-Preises an Polak aus.

taz-Redakteur Jürn Kruse berichtet in einem offenen Brief von der bangen Zeit nach der Geburt seiner Tochter, da »das Schicksal (oder an was auch immer man glaubt) eine ganz feine Linie zwischen ›Gast‹ und ›Spast‹« gezogen hatte. ProSieben als ausstrahlender Sender habe sich hinter derartiger Kritik jedoch nur »Heiligenschein der Scheinheiligen« verborgen.

Gegen die Auszeichnung sprach sich auch der Chefredakteur der Medienkorrespondenz und Jury-Vorsitzende Dieter Anschlag aus, weil »[e]ine solche Geisteshaltung und eine Sendung, die es zum Prinzip erhebt, Menschen bei Nichtgefallen ›rauszuschmeißen‹«, nicht mit den Wertevorgaben des Grimme-Preises zu vereinbaren seien.

Dabei soll gar nicht bestritten werden, dass Polak gegen den Stachel der Mittelmäßigkeit löckt, in der »[d]as Fernsehformat ›Gesprächssendung‹ […] ausgeleiert wie eine alte Jogginghose« ist, und »das Fernsehgesprächsformat in die Sphären des Interessanten und Unerwarteten zurückzuholen« sucht, wie die Jury ihre Preisverleihung begründete. Was allerdings an »seinem Hang zur beleidigenden Tabuverletzung […] mutig« sein soll, wie es in der Begründung weiter heißt, dürfte das Geheimnis der Jury-Mehrheit bleiben.

Zu recht wird in unserer Gesellschaft seit Längerem über den Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft diskutiert. Die Beschimpfung und der Rausschmiss von Menschen als »Spast« oder »Spasti« hat nichts mit Mut, sondern viel mit Gesinnung zu tun, der die Quote über alles geht. Mut haben allerdings Kruse und Anschlag bewiesen, die in diesem Gebaren kein »Vorbild für die Fernsehpraxis« erkennen wollten, wie es das Statut des Grimme-Preises fordert.

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