Historiker Karsten Heinz Schönbach belegt detailreich aktive Unterstützung der deutschen Konzerne für die NSDAP

Dass sich kein großer Verlag finden ließ und sich die Medien mit Rezensionen sehr zurückhalten, kann bestenfalls im ersten Moment überraschen. Je mehr man sich in Karsten Heinz Schönbachs Untersuchung »Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926–1943« vertieft, desto weniger vermag einen das jedoch noch zu überraschen.

Schönbach setzt sich in dem auf seine Dissertation zurückgehenden Werk dezidiert mit der von der bürgerlichen Geschichtsforschung verbreiteten Behauptung auseinander, bestenfalls Teile der deutschen Wirtschaft hätten Hitler und die NSDAP unterstützt, die Mehrheit sei vielmehr selbst ein Opfer der Faschisten geworden.

Die Alliierten sahen es allerdings anders, und das nicht nur die Sowjetunion. Zu recht verweist Schönbach auf den US-amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau, dessen nach ihm benannter Plan ausdrücklich die Zerstörung der deutschen Industrie und Umwandlung Deutschlands in ein Agrarland vorsah. Morgenthau begründete seinen Plan ausdrücklich damit, dass durch diesen radikalen Schritt verhindert werden sollte, dass jemals wieder von Deutschland ein Krieg ausgehen könnte.

Im Potsdamer Abkommen wurde schließlich vereinbart, »das deutsche Wirtschaftsleben zu dezentralisieren mit dem Ziel der Vernichtung der bestehenden übermäßigen Konzentration der Wirtschaftskraft, dargestellt insbesondere durch Kartelle, Syndikate, Trusts und andere Monopolvereinigungen.« Als eine der zentralen Beschlüsse wurde »die Ausschaltung der gesamten deutschen Industrie, welche für eine Kriegsproduktion benutzt werden kann«, beschlossen.

Tatsächlich mussten sich dann allerdings nur die Spitzen der IG Farben, des Flick-Imperiums und des Krupp-Konzerns in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen verantworten. Alle Angeklagten kamen zudem mit geringen Strafen davon. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, Friedrich von Bülow sowie Erich Müller (alle Krupp) wurden zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, Carl Krauch (IG Farben), Friedrich Janssen und Eduard Houdremont (beide Krupp) zu jeweils zehn Jahren, Karl Eberhardt (Krupp) zu neun Jahren, Otto Ambros (IG Farben) zu acht Jahren, Fritz ter Meer (gleichfalls IG Farben) und Friedrich Flick (Flick) zu jeweils sieben Jahren. Keiner von ihnen musste seine Strafe vollständig absitzen, alle konnten vielmehr in der BRD ihre Karriere fortsetzen.

So ist es nicht verwunderlich, dass in der BRD nie ein sonderliches Interesse bestand, die Verantwortung der deutschen Konzerne am Faschismus genauer zu untersuchen. Die angeblich nur ihrer Wissenschaft rechenschaftspflichtigen Historiker erwiesen sich als erstaunlich parteiisch.

Vonseiten der Großindustriellen war schon frühzeitig vorgebeugt worden. Im Februar 1945 verfasste der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Vereinigten Stahlwerke Ernst Poensgen einen mehrteiligen Aufsatz, in dem er behauptete, dass die Großindustriellen in ihrer großen Mehrheit vor 1933 nicht zu Hitler gestanden und keine engeren Kontakte zur NSDAP gehabt hätten. Nach 1933 hätten sich die meisten nur deshalb in die Wirtschaftsorganisationen des NS-Staates eingeschaltet, um »das Schlimmste zu verhindern«.

Ähnlich argumentierten auch andere Altnazis wie Thilo Freiherr von Wilmowsky, Wilhelm Zangen und August Heinrichsbauer. Thilo Freiherr von Wilmowsky war einst Leiter des Wirtschaftsverbands Mitteldeutschland und Vorsitzender des Präsidiums des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags, Wilhelm Zangen verband die Interessen der Wirtschaft und der Nationalsozialisten als Wehrwirtschaftsführer und August Heinrichsbauer betätigte sich in der als Bindeglied zwischen konservativen Kreisen und der NSDAP dienenden »Gesellschaft zum Studium des Faschismus« und gab den unternehmernahen Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsdienst heraus.

Für die Mehrheit der bürgerlichen Geschichtswissenschaftler gab es keine Zweifel, dass deren Argumentation der Wirklichkeit entsprach. Für ein ernsthaftes kritisches Hinterfragen schien deshalb keine Notwendigkeit zu bestehen, zumal in der Systemauseinandersetzung zwischen West und Ost schnell als Netzbeschmutzung diffamiert wurde, was der anderen Seite – und das galt in beiden Richtungen – nützlich sein konnte.

Gegen den Stachel zu löcken wagten nur wenige. Zusätzlich erschwert wurde dies durch die äußerst selektive Öffnung der meisten Firmen- und Verbandsarchive sowie die massenhafte Vernichtung von Unterlagen. Dass sich daran bis heute wenig geändert hat, erfuhr auch Schönbach bei seinen Recherchen. Mit offenen Armen empfangen wurde er selten. Oft war das Gegenteil der Fall. So konnte er im Bergbau-Verein nicht alle Akten einsehen. Selbst an der Freien Universität, an der Schönbach mit dieser Untersuchung promovierte, erlebte er massive Widerstände. Sogar die der Partei Die Linke nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung mochte Schönbach und seine Untersuchung nicht unterstützen.

Trotzdem gelang es Schönbach in jahrelanger Arbeit, zahlreiche Belege zusammenzutragen, die nachweisen, dass maßgebliche Teile der deutschen Wirtschaft schon lange vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten enge Kontakte zur NSDAP pflegten und sich die deutschen Konzerne des NS-Regimes zur Umsetzung ihrer wirtschaftlichen Expansionspläne bedienten.

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