Der Kampf der Medien mit dem Konjunktiv

»Deutsche Sprache, schwere Sprache« ist von Ausländern, die sich mit dem Erlernen unserer Sprache plagen, immer wieder zu hören. Doch nicht nur sie, sondern auch viele Deutsche und selbst jene, die täglich mit der Sprache zu tun haben wie Journalisten und Autoren tun sich mit ihr häufig schwer. Jüngstes Beispiel, gehört und gelesen in den Mittagsnachrichten von Radio Berlin-Brandenburg (RBB) am 9. März 2017: »Bundeskanzlerin Merkel sagte, die Wiederwahl Tusks sei ein Zeichen der Stabilität in der EU.«

Wie würden Sie diesen Satz verstehen? Merkel freue sich über die Wiederwahl von Donald Tusk zum Ratspräsidenten der EU, weil damit ein Zeichen der Stabilität in der EU gesetzt werde? Oder Merkel würde sich über seine Wiederwahl freuen, weil damit ein Zeichen der Stabilität gesetzt werde?

Nimmt man den Satz wortwörtlich, bleibt nur eine Lesart: Merkel hat sich gefreut, weil Tusk wiedergewählt wurde.

Wer den Blog regelmäßig liest, ahnt aber vermutlich bereits, dass es nicht so einfach ist. Tatsächlich fand die Wahl des neuen EU-Ratspräsidenten statt. Die Meldung von Radio RBB wurde jedoch bereits am Mittag, das heißt mehrere Stunden vor der entscheidenden Ratssitzung gesendet.Gemeint war also tatsächlich die zweite Lesart.

Vielleicht wendet jetzt der eine oder die andere an, das sei doch nicht weiter wichtig. Die grundsätzliche Information habe ja schließlich gestimmt. Leider ist das jedoch keineswegs immer der Fall. Die Vermischung von Tatsachen und Wünschen oder Erwartungen durch den Verzicht auf den Konjunktiv oder seine falsche Anwendung ist in den Massenmedien weit verbreitet. Wer nicht sehr aufmerksam hinhört oder liest, nimmt so schnell ein Soll oder Wollen für ein Ist. Aus der Information wird eine Desinformation.

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