Im »Kleinen Lexikon des Buchwesens und der Einbandkunde« geschmökert

Wissen Sie, was eine Abbreviatur ist? Eine Ausgabe letzter Hand? Was unter Brotschrift zu verstehen ist? Unter Pressendrucke? Was sich hinter einem Privatdruck verbirgt? Was eine Marginalie ist und was eine Annotation? Nein? Das »Buchwörterbuch«, auf das ich dieser Tage bei Recherchen für ein neues Projekt gestoßen bin, verrät es.

Um es gleich vorweg zu nehmen, auch ich habe aus den inzwischen auf 216 Stichworte angewachsenem »Kleinen Lexikon des Buchwesens und der Einbandkunde« noch viel Neues entnommen. Und das, obwohl ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftige.

Ob jedes Stichwort tatsächlich zu recht in das Buchwörterbuch aufgenommen wurde, steht auf einem anderen Blatt. Dekadenzdichtung, Jesuitendrama, Rocaille, schwarze Romantik und schwarzer Humor oder Steganographie haben doch sehr wenig mit Buchwesen und Einbandkunde zu tun und Jean Grolier de Servières, Hypnerotomachia Poliphili oder Ὑπατία (Hypatia) sind wohl doch eher dem antiquarischen Interesse des Buchantiquars Rainer Friedrich Meyer geschuldet, der das Buchwörterbuch ins Leben gerufen hat.

Mehr über Buchwesen und Einbandkunde erfährt man jedoch unter den vielen anderen Stichworten. Als besonders interessant empfinde ich die Ausführungen zu Papieren, zu Buchillustrationen und ihren Herstellungsverfahren sowie zu Erhaltungszuständen antiquarischer Bücher.

Leider klammert Rainer Friedrich Meyer fasst durchgängig alle Gegenwartsbezüge aus. Wer über Buchillustrationen spricht, kommt nicht an Oskar Kokoschka, Ernst Barlach, Frans Masereel, HAP Grieshaber, Josef Hegenbarth und Werner Klemke vorbei. Über Privatdrucke zu sprechen, heißt auch, über das moderne Selfpublishing zu reden. Inhaltlich wenig befriedigend sind ebenso die Ausführungen zur Zensur, die eines der großen Probleme des 20. und 21. Jahrhunderts ist, und zu Raubdrucken, die beispielsweise in den sechziger und siebziger Jahren in der BRD einen Boom erlebten, als seit Jahrzehnten vergriffene Bücher sozialistischer und anarchistischer Autoren fotomechanisch reproduziert und ohne Genehmigung neu aufgelegt wurden.

Das mindert den Spaß, im Buchwörterbuch zu lesen, zwar nur wenig, ist nichtsdestotrotz aber sehr bedauerlich. Wer aktuelle Bezüge sucht, kommt kaum um die Wikipedia und vor allem das »Lexikon der Typographie« von Wolf­gang Bei­nert herum.

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