Saphia Azzeddine lässt ihren Helden in »Mein Vater ist Putzfrau« nach Worten und Frauen suchen

Eines muss ich Saphia Azzeddine bescheinigen: Ihren Roman »Mein Vater ist Putzfrau« zu lesen, bereitet viel Vergnügen. Im Mittelpunkt steht der vierzehnjährige Paul, genannt Polo. Er lebt in einer der Pariser Banlieues, ist weiß, hässlich und arm. Seine Mutter sitzt im Rollstuhl, die Schwester hangelt sich durch die Betten und träumt von einer Karriere als Schönheitskönigin und sein Vater verdingt sich als Reinigungskraft, um der Familie ein leidliches Auskommen zu sichern.

Nach der Schule greift Paul ihm oft unter die Arme. Er poliert, putzt, scheuert und saugt Staub, damit »wir früher nach Hause kommen. Und auch, weil er mein Vater ist«.

Am liebsten putzt er in der Stadtbibliothek. Bald widmet er sich dort allerdings weniger dem Staub als den Büchern. Er sucht nach Wörtern, »die Angst machen«, und als er genügend von ihnen kennt, an Autoren, »die Angst machen«.

So lernt er unter anderem, »dass ein Mann sich vierhundert Seiten Zeit lassen kann, um einer Frau zu sagen, dass er sie liebt«. Vierhundert Seiten vor dem ersten Kuss … »In Zeiten, wo man eine SMS verschickt, wenn man Lust zum Vögeln hat, finde ich das außergewöhnlich, extravagant, wahnsinnig, grandios …«

Die angebetete Priscilla kann er mit seinen Worten und Autoren begeistern, sein Deutschlehrer hält dagegen von Sätzen wie »heimtückisch plagte er seine Geliebte mit lüsternem Frohsinn« nichts und lässt ihn die achte Klasse wiederholen.

Während die anderen während der Schulferien verreisen, muss Paul zu Hause bleiben. Als wäre nicht das schon schlimm genug, belastet ihn ein anderes Problem noch viel mehr: Er will »mit einem Mädchen schlafen«. Aber mit welchem? Die angebetete Priscilla scheint unerreichbar. Doch mit den Arabern ist nicht zu spaßen, wenn es um ihre Schwestern, Mütter oder Frauen geht. Die Schwarzen stehen auf Araber und die Weißen auf Schwarze und Araber. Als Weißer hat er es in den Banlieues schwer, zumal als hässlicher, kleiner und armer Weißer.

Vor allem aber: »Ich hab einen kleinen Pimmel […] und das macht mich echt fertig.«

Eine alles in allem gelungene Satire über das Prekariat in den Pariser Vorstadtghettos

Azzeddine ist mit ihrem Roman »Mein Vater ist Putzfrau« zweifellos eine wunderbare Satire auf das Prekariat in den Pariser Vorstadtghettos gelungen. Geschickt spielt sie mit den Klischees und Vorurteilen über die Underdogs der Banlieues. Wenn sie Paul sprechen und mehr noch Selbstgespräche führen lässt, klingt die Sprache meistens ruppig und derb, oft gepaart mit großer Selbstironie, jedoch nie wehleidig. Faszinierend ist dabei, wie es Azzeddine gelingt, schnoddrige Jugendsprache mit sorgfältig auskomponierter Literatursprache zu verweben.

Und trotzdem stellte sich beim Lesen zunehmend ein leichtes Gefühl von Unzufriedenheit ein. So meisterlich es ihr gelingt, Pauls Erstaunen zu schildern, wie ein Mann sich 400 Seiten Zeit lassen kann bis zum ersten Kuss, so gekünstelt naiv klingt es, wenn sie Paul bei einer Besichtigung des Louvres über Jesus sinnieren lässt: »Warum einen Typen so geil darstellen […] Denn Jesus sah an seinem Kreuz wahnsinnig sexy und aufreizend aus und hatte einen Heidenspaß daran, vor aller Augen zu leiden.«

Dagegen steht dann wieder Pauls mündliche Abiturprüfung über Flauberts Roman »Schule der Gefühle«. Warum ihm der Roman gefallen hat? Weil es auch in Pauls Leben eine Madame Arnoux gibt: Priscilla. »Aber ich habe verstanden, dass ich wahrscheinlich eine Rosanette heiraten werde, da hat mich der Roman also vorgewarnt und mir eine Enttäuschung erspart.«

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