Erstmals veröffentlicht: Clara Zetkins Briefe gegen den Krieg und die Burgfriedenpolitik der SPD

Sie stritt für den Frieden und gegen den ersten Weltkrieg, für die Gleichberechtigung der Frau und initiierte den internationalen Frauentag: Clara Zetkin. Doch ihr Werk ist kaum erschlossen. In der DDR erschienen 1955 eine einbändige und ab 1957 eine dreibändige Auswahl von Reden und Schriften und ebenfalls 1957 eine ausführliche Biographie. In der BRD interessierte sie dagegen kaum jemanden. Die Briefe blieben allerdings auch in der DDR weitgehend unbeachtet. Umso erfreulicher ist es, dass mit »Die Kriegsbriefe« jetzt der erste Band ihrer sehr umfangreichen Korrespondenz veröffentlicht worden ist.

Zetkin war eine fleißige Briefeschreiberin. Über 1000 Briefe zählte die Historikerin und Herausgeberin Marga Voigt in den verschiedenen Archiven besonders in Moskau, Berlin und Amsterdam. Tatsächlich müssen es jedoch noch wesentlich mehr gewesen sein. Von den Briefen an Rosa Luxemburg sind beispielsweise nur zwei erhalten und die Briefe an ihre Söhne Kostja und Maxim sind sogar vollständig verschollen.

Der erste Band der auf drei Bände kalkulierten Korrespondenz umfasst die Jahre 1914 bis 1918. Insgesamt 172 Briefe hat Voigt für diesen Band ausgewählt, von denen 152 bislang noch nie veröffentlicht wurden.

Wesentlich erleichtert wird das Verständnis durch die zahlreichen Anmerkungen zu den Briefen und ein kommentiertes Personenverzeichnis. In einem Aufsatz trägt der Historiker und Geschäftsführer des die ausgewählten Briefe herausgebenden Karl Dietz Verlages, Jörn Schütrumpf, zudem Hintergrundinformationen zur Zetkin-Rezeption in der DDR bei, in dem allerdings über weite Strecken Demagogie über sachliche Auseinandersetzung dominiert. Völlig ausgeklammert bleibt die Zetkin-Rezeption in der BRD.

Die zentralen Themen der Briefe sind der erste Weltkrieg, die Bewilligung der Kriegskredite 1914 durch die SPD und deren Burgfriedenspolitik, der Widerstand einer sozialdemokratischen Minderheit um Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Clara Zetkin, Zetkins Entlassung als Redakteurin der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit und die Oktoberrevolution in Russland.

In einem Brief an den Internationalen Frauenrat der sozialistischen und Arbeiterorganisationen Großbritannien benannte sie »den Imperialismus als den Feind, der die Völker […] gegeneinander treibt« und mit dem deshalb »jedes Paktieren ausgeschlossen« sei. An die niederländische Sozialdemokratin Heleen Ankersmit kommentierte sie, mit der Bewilligung der Kriegskredite habe sich die SPD-Mehrheit »für Annexionen und Kolonialeroberungen begeistert«. Und an Lenin schrieb Zetkin, sie verfolge die Nachrichten aus Russland »mit angehaltenem Atem«, denn dort gehe es »um der Menschheit große Dinge, dort ist das Leben wert, gelebt zu werden«.

Angesichts des »gegenwärtigen Weltkrieges als des furchtbarsten Verbrechens an der Menschheit«, wie sie im bereits zitierten Brief an den Internationalen Frauenrat schrieb, ordnete sich für Zetkin der Kampf für die Frauenrechte widerspruchslos in den Kampf für den Frieden ein.

Berlins CDU und SPD geben der Kurfürstin Dorothee den Vortritt vor der Frauenrechtlerin Zetkin

Dass Zetkins konsequente Haltung von bürgerlichen Kreisen bis heute verurteilt wird, überrascht nicht, aber auch in der Sozialdemokratie dominiert die Ablehnung. So war eine große Koalition aus CDU und SPD, die 1995 in Berlin die Rückbenennung der Clara-Zetkin-Straße in Dorotheenstraße durchsetzte. Nach der Kurfürstin Dorothea von Brandenburg ist zwar bereits eine Straße Berlin benannt und eigentlich sollen keine Doppelbenennungen mehr erfolgen, aber eine »überzeugte Leninistin« mit einer Straße zu ehren, die ausgerechnet auch noch direkt »auf den Reichstag, den künftigen Sitz des Deutschen Bundestages, zu[führt]«, empfand nicht nur der sozialdemokratische Historiker Heinrich August Winkler als unerträglich. Dann schon lieber zwei Straßen nach einer Kurfürstin benennen, die nie durch aufrührerische Ideen aufgefallen ist.

Als unerträglich empfand es auch der sächsische Finanzminister Georg Unland, dass das Finanzamt in Pirna an der Clara-Zetkin-Straße liegen sollte. Also forderte der CDU-Politiker flugs eine Umbenennung der Straße, und als das nicht funktionierte, die Benennung der Freifläche vor dem Finanzamt als Waisenhausplatz. Mancher mag Pirna zwar als Provinz empfinden, aber Pirna bewies mehr Rückgrat und Weltgeist als das sich gerne als Weltstadt gebende und in seinen Taten oft doch sehr provinzielle Berlin.

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