Ein Paukenschlag: Das große ß wird offiziell

Das kommt einem Paukenschlag gleich: Das große ß soll schon bald auch ganz offiziell verwendet werden dürfen. In seinem am 8. Dezember 2016 veröffentlichten 3. Bericht schlägt der Rat für deutsche Rechtschreibung der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder der BRD vor, das Versal-ß offiziell als Ergänzung zum kleinen ß einzuführen.

In durchgängig großgeschriebenen Wörtern muss ein Eszett bislang noch durch ein großes Doppel-S ersetzt werden. „Diese Regelung“, räumt der Rat für Rechtschreibung jetzt ein, habe sich jedoch „an zwei Stellen als nicht mit dem Schreibgebrauch im Einklang befindlich herausgestellt: im Gebrauch der Behörden und in Bereichen, in denen Schreibung mit Großbuchstaben weit verbreitet ist, wie insbesondere in der Werbung.“

In der Praxis wurde die Ersetzung durch SS schon länger immer weniger befolgt. Vor allem in amtlichen Papieren wie Ausweisen und Reisepässen wird auf die regelkonforme Ersetzung häufig verzichtet und das kleine ß verwendet, weil sich hinter einem MESSNER sowohl ein Messner als auch ein Meßner verbergen kann. Ähnliches ist in der Werbung zu beobachten. Hier kommt es zwar nicht auf diese Eindeutigkeit an, trotzdem wird auch hier häufig zugunsten des kleinen ß auf das doppelte große S verzichtet.

Dass die Schreibung mit einem Doppel-S immer nur eine Behelfslösung sein kann, wird seit Langem kaum noch bestritten. Schon 1879 veröffentlichte das Journal für Buchdruckerkunst Überlegungen zu einem Versal-ß. In der DDR erschienen die Duden-Auflagen von 1957 und 1960 mit einem großen ß auf dem Einband und 1969 wurde im DDR-Duden sogar die Entwicklung eines großen ß in Aussicht gestellt.

Die vermutlich erste Schrift mit Versal-Eszett wurde bereits vor über 100 Jahren gegossen

Mit der Schelter Antiqua Nr. 24 stellte die Leipziger Schriftgießerei Schelter & Giesecke 1905 die vermutlich erste Schrift mit einem Versal-ß vor. Wer die Schrift entworfen hat, ist unbekannt. Auch in den folgenden Jahren engagierte sich diese Schriftgießerei sehr zugunsten eines großen ß. Andere Schriftgießereien hielten sich dagegen zurück. Eine massenhafte Verbreitung fand dieser Buchstabe nicht.

Mit der Digitalisierung der Satzherstellung kam ein weiteres Problem hinzu. Die Schriftdateien konnten immer nur einen sehr beschränkten Zeichenvorrat aufnehmen. Die verschiedenen ISO-8859-Codierungen verfügen gerade einmal über 191 Zeichen. Alleine um die verschiedenen europäischen Sprachen mit ihren spezifischen Buchstaben berücksichtigen zu können, sind bereits von ISO 8859-1 über ISO 8859-2 und ISO-8859-3 bis ISO-8859-16 insgesamt 13 Codierungen notwendig; drei dieser 13 Codierungen kamen erst nach 1997 hinzu, weil für das neu eingeführte Eurozeichen in den vorhandenen Codierungen bereits kein freier Platz mehr war.

Computermäßig gelöst wurde dieses Problem erst 2007, als des Versal-ß unter dem Zeichencode 1E9E in den Unicode-Standard aufgenommen wurde, denn mit Unicode ist eine einheitliche Codierung von über 100.000 Zeichen möglich. Eine neue Begrenzung liegt zwar in den Schriftdateiformaten, weil sowohl TrueType als auch OpenType maximal 65.536 Zeichen enthalten können, ein tatsächliches Problem stellt das im Zusammenhang mit dem großen ß jedoch nicht dar. Kaum ein TrueType- oder OpenType-Font nutzt die Zeichenzahl bislang aus.

Seit der Aufnahme des Eszett in den Unicode-Standard werden immer mehr neue Schriften mit einem Versal-ß ausgestattet bzw. ältere Schriften mit ihm nachgerüstet. Dazu gehören auch die auf vielen Computern vorhandenen oder kostenlos herunterzuladenden und nachzuinstallierenden Schriften wie Arial, Biolinum, Calibri, Cambria, Candara, Consolas, Constantia, Corbel, Courier New, DejaVu, Geneva, Junicode, Libertine, Noto, PT Sans, Segoe, Tahoma, Times New Roman und Verdana.

Die von Kritikern eines Versal-ß lange Zeit als Argument vorgetragene fehlende Unterstützung durch Computerschriften galt bei den Befürwortern allerdings ohnehin nur als Vorwand. Mit der gleichen Begründung hätte sich auch das Eurozeichen ablehnen lassen.

Endgültige Entscheidung obliegt den sechzehn Bundesländern

Wann die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder über den Vorschlag des Rates für deutsche Rechtschreibung beraten und beschließen wird, ist noch nicht bekannt. Zudem kann sie keine rechtsverbindlichen Entscheidungen treffen. Dies obliegt alleine den 16 Bundesländern. Hinzu kommt, dass in allen deutschsprachigen Ländern die gleichen Regeln gelten sollen. Diese haben im Anhörungsverfahren jedoch »keine Einwände vorgetragen«, wie es im Bericht des Rates für deutsche Rechtschreibung heißt. Dem Vorschlag sei »in allen deutschsprachigen Ländern und Regionen gleichermaßen zugestimmt« worden.

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Um eine möglichst fehlerfreie Darstellung dieses Blogbeitrages auf allen Computern zu gewährleisten, wurde weitgehend auf die Verwendung des Versal-ß verzichtet. Verstöße gegen die Rechtschreibregeln waren deshalb nicht zu vermeiden.

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