Mit »Frischfleisch war ich auch mal« hat Matthias Gerschwitz eine Hommage an das Leben geschrieben

Mit »Frischfleisch war ich auch mal« hat Matthias Gerschwitz bereits sein drittes zumindest teilweise autobiographische Buch vorgelegt. Berichtete er im ersten Band von »Endlich mal was Positives« über seinen Umgang mit der 1994 festgestellten HIV-Infektion, rückte im zweiten Band von »Endlich mal was Positives« die generelle Lebenswirklichkeit HIV-positiver Menschen in den Mittelpunkt.

In seinem neuesten Buch geht es in 23 Kapiteln um das Älterwerden und Jungbleiben von homosexuellen und heterosexuellen Menschen. Dabei ist »Frischfleisch war ich auch mal« keineswegs ein sentimentaler Rückblick auf die Vergänglichkeit der Jugend, sondern eine Hommage an das Leben. Wer Gerschwitz’ »Endlich mal was Positives« kennt, wird nicht überrascht sein, dass auch sein neuestes Buch wieder von Lebensbejahung und Lebensfreude sprüht.

Mit siebzig Jahren die Welt umsegeln, mit fünfundsiebzig Jahren zum Trekking nach Tibet, mit achtzig Jahren nach Dubai – im Alter aktiv zu bleiben, gehört längst zum guten Ton. Auf der anderen Seite steht aber auch die Erkenntnis, dass man mit fünfzig für viele Unternehmen bereits zum alten Eisen zählt und nur noch schwer einen neuen Arbeitsplatz findet.

Matthias Gerschwitz mit Buch in der Hand
Matthias Gerschwitz liest aus »Frischfleisch war ich auch mal«
Foto: Heinz W. Pahlke

Doch es sind auch die Menschen selbst, die sich das Leben gegenseitig schwer machen. Wenn man »in der schwulen Welt schon mit fünfunddreißig Jahren zum alten Eisen« gehöre, resümiert Gerschwitz, könne es nicht überraschen, »dass nicht wenige schwule Männer niemals älter« werden. In der Schwulenwelt scheint der Jugendwahn noch ausgeprägter zu sein als in der Heterowelt.

Ausführlich schreibt Gerschwitz über die späten siebziger Jahre, als Sexualaufklärung in der Schule und Zuhause noch selten war und sich dann auch noch auf Heterosexualität beschränkte, als noch der Schwulenparagraph 175 galt, der jegliche sexuelle Handlung zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte und erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, und es der Konservatismus und die Prüderie nahezu unmöglich machten, außerhalb weniger Großstädte andere homosexuelle Männer kennenzulernen.

In den achtziger Jahren begannen sich die Verhältnisse zu verbessern, die schwule Szene musste sich weniger verstecken. Eine » entspannte, von Feiern geprägte Jugend, wie sie heute in den Lokalen und Clubs der Szene wie selbstverständlich zelebriert wird«, verhinderte der Paragraph 175 allerdings weiterhin. Trotzdem trauert Gerschwitz nicht einer Jugend nach, die er nie haben konnte, denn »ist nicht gerade die Erinnerung an eine Jugend, die mit Beschränkungen, Heimlichkeiten, Ängsten und offenen Diskriminierungen verbunden war, immer mit der Glorifizierung des Kampfs um Freiräume verbunden, um das Suchen und Finden von Gelegenheiten und dem freudigen Genuss eines viel zu oft nur kleinen Glücks?«

Auch wenn es in dem Buch viel um schwules Leben geht, reicht es doch weit darüber hinaus. Es geht generell um das Älterwerden, um den Mut, etwas zu ändern und Neues anzufangen, um Tanzen als Psychologie und Kneipen als Sehnsuchtsorte, um Linkshändigkeit und die sich mit ihr verbindenden Mythen und Legenden, um Gefühle, die über Fakten triumphieren.

Geschrieben ist »Frischfleisch war ich auch mal« wie auch bereits seine früheren Bücher in der für Gerschwitz typischen lockeren, humorvollen und nicht selten auch von Satire sprühenden Sprache, die einen das Buch nicht weglegen lässt, bevor man, oder auch frau, es ausgelesen hat.

Eine Besprechung des ersten Bandes von »Endlich mal was Positives« finden Sie hier auf dem Sprachrandblog.

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