Zurück in die Anfänge des Computerzeitalters

Mein Computer behauptet, wir hätten das Jahr 2016. Mein Smartphone meint es ebenfalls und auch ein Blick auf den Wandkalender bestätigt es: Wir leben im Jahr 2016. Beim Books-on-Demand-Dienstleister BoD bzw. einem oder mehreren Online-Buchhändlern scheint man sich dagegen im Kalender geirrt zu haben. Irgendjemandem muss dort ein Kalender vom Ende des vergangenen Jahrtausends in die Hände geraten sein.

Wer als Selfpublisher oder als Kleinverleger bei BoD wie gewohnt den Klappentext für sein Buch eingibt, erlebt seit wenigen Tagen häufig eine Überraschung. Anstatt erfolgreich den Text hochladen zu können, erhalten er oder sie plötzlich eine Fehlermeldung: »Eingabe enthält nicht ISO-8859-1 konforme Schriftzeichen«.

Nach einigen Spekulationen hat BoD bestätigt: In Klappentexten dürfen nur noch Schriftzeichen aus ISO-8859-1 verwendet werden. Nicht mehr zulässig sind damit typographische Anführungszeichen, Gedanken- und Bis-Striche, Minuszeichen, Apostrophe, Auslassungspunkte und Eurozeichen. Diese Zeichen kennt die geforderte ISO-8859-1-Kodierung nämlich nicht.

Um das besser verstehen zu können, muss man in die Computergeschichte zurückgehen. Damit unterschiedliche Geräte Zeichen gleich ausgeben können, müssen sie auf eine einheitliche Zeichenkodierung zurückgreifen können. Die 1967 zur Norm erhobene ASCII-Kodierung kannte allerdings nur die im Amerikanischen und Englischen benötigten Zeichen. In den 1980er Jahren wurden deshalb diverse ISO-8859-Kodierungen entwickelt, darunter auch ISO-8859-1, mit der die meisten westeuropäischen Sprachen abgedeckt wurden.

Wegen des technisch bedingten geringen maximalen Zeichenumfanges der ISO-8859-Kodierungen mussten für die verschiedenen Sprachräume – darunter Westeuropa, Mitteleuropa, Südeuropa, Nordeuropa, Türkei, Russland und Griechenland – Teilnormen geschaffen werden. Schriftmischungen waren damit sehr aufwendig. Japanisch, Chinesisch und Koreanisch ließen sich im ISO-8859-System überhaupt nicht unterbringen.

Anfang der 1990er Jahre wurde wegen all dieser Einschränkungen mit der Entwicklung von UTF-8 begonnen. Theoretisch lassen sich mit ihm über eine Million Zeichen darstellen. Wird auf die UTF-8-Kodierung zurückgegriffen, wie es auf den meisten Computern längst standardmäßig passiert, lassen sich problemlos auch die in der ISO-8859-1-Kodierung noch unbekannten typographischen Anführungszeichen, Gedanken- und Bis-Striche, Minuszeichen, Apostrophe, Auslassungspunkte und Eurozeichen darstellen.

Auf die Möglichkeiten von UTF-8 zu verzichten und zu ISO 8859-1 zurückzukehren, bedeutet, zu den Anfängen der Computer in den 1980er Jahren zurückzukehren und auf die seitdem erreichten Fortschritte zu verzichten.

Dem einzelnen Selfpublisher und Kleinverleger helfen diese Überlegungen und Zusammenhänge allerdings wenig. Ihnen bleibt nur, in ihren Klappentexten möglichst auf Gedanken- und Bis-Striche, Minuszeichen, Apostrophe, Auslassungspunkte und Eurozeichen zu verzichten. Sie durch Bindestriche, drei einzelne Punkte oder Minutenzeichen zu ersetzen, ist jedenfalls eine schlechte Idee, weil sie bei kundigen Leserinnen und Lesern leicht zu dem Fehlschluss führen können, im Buch sei genauso unsauber gearbeitet worden.

Für die unzulässigen typographischen Anführungszeichen bieten sich dagegen die Guillemets – auch Chevrons genannt – an, denn diese sind im Gegensatz zu den typographischen Anführungszeichen erstaunlicherweise in der ISO-8859-1-Kodierung enthalten. Selbst in Klappentexten für Sachbücher, in denen Guillemets unüblich sind, stellen sie immer noch eine bessere Lösung als die oft missbräuchlich verwendeten Sekunden- oder Zollzeichen dar. Auch wenn Manche das Sekunden- oder Zollzeichen gerne zum »geraden Anführungszeichen« zu erklären versuchen, ein gerades Anführungszeichen gibt es nicht. Und im Gegensatz zu falschen Apostrophen und Auslassungspunkten fällt dieser Fehler oft sogar typographischen Laien auf.

Dieser Beitrag wurde unter Typographie abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Zurück in die Anfänge des Computerzeitalters

  1. Halo und herzlichen Dank, Herr Pahlke! Ich war dabei bei BoD den Titel meines neuen Buches einzugeben und kam wegen der Fehlermeldung “… nicht ISO-konform …” nicht weiter. Dank Ihnen habe ich in kürzester Zeit erfahren, dass die Gedankenstriche nicht in meinem Titel bleiben dürfen :-(
    Mit besten Wünschen für Sie und Ihren Blog,
    Melita Tuschinski