Mit Hermann Kant nach der neuen Gesellschaft gefragt

Es muss im Herbst 1969 gewesen sein, als ich mir für die Deutsch-Abiturprüfung ein Thema suchen musste, in dem ich schwerpunktmäßig mündlich geprüft werden wollte. Meine Suche dauerte nicht lange, dann hatte ich mein Thema gefunden: »Der 13. August in der deutschen Literatur am Beispiel von Hermann Kants ›Die Aula‹ und Christa Wolfs ›Der geteilte Himmel‹«.

So gerne und viel auch an unserer Schule von der Freiheit im Westen und der Unfreiheit im Osten gesprochen wurde, meinem Lehrer schwante sofort, dass dieses Thema bei der Westberliner Schulbürokratie nicht durchgehen würde. Da müsse schon ein Gegenpol her, zum Beispiel Uwe Johnsons »Mutmaßungen über Jakob«, schlug er vor. Und so hieß mein Prüfungsthema nun: »Der 13. August in der deutschen Literatur am Beispiel von Hermann Kants ›Die Aula‹, Christa Wolfs ›Der geteilte Himmel‹ und Uwe Johnsons ›Mutmaßungen über Jakob‹«.

Praktisch änderte sich für mich dadurch allerdings nichts, wenn man von der zusätzlichen Lektüre des Romans von Uwe Johnson absieht. »Mutmaßungen über Jakob« konterkarierte alles das, was mich bei Hermann Kant und Christa Wolf besonders ansprach. In »Die Aula« und »Der geteilte Himmel« ging es genau um die Fragen, die mich seit Längerem bewegten: Wie konnte man mit den vorhandenen Menschen eine neue Gesellschaft aufbauen?

Natürlich war auch ich traurig, als am 13. August die Mauer errichtet wurde. Doch wenn eine ältere Verwandte ganz begeistert erzählte, wie sie sich Edelstahlfolien um den Körper wickelte, um sie in den Westen zu schmuggeln, oder ein Bekannter berichtete, wie er sich für im Westen eingetauschte DDR-Mark drüben billig einen Praktika-Fotoapparat gekauft und verbotenerweise in den Westen ausgeführt habe, dann war mir selbst als Elfjähriger bereits klar, dass »unsere Brüder und Schwester im Osten« da das Nachsehen haben mussten. Oder wenn meine Oma erzählte, dass aus ihrer Nachbarschaft schon wieder ein junger Arzt in den Westen gegangen sei, weil er dort ein Vielfaches verdienen könne. (Dass heute Ähnliches passiert, wenn die armen Länder Osteuropas und der dritten Welt für viel Geld Fachleute ausbilden und die reichen Länder des Westens diese dann abwerben, sei nur am Rande erwähnt.)

Wie sollte also unter diesen Bedingungen eine neue Gesellschaft erbaut werden? Vor allem Hermann Kants »Die Aula« bot mir mehr als ausreichend Stoff zum Nachdenken. Die von ihm geschilderten Arbeiter- und Bauernfakultäten, an denen junge Arbeiter und Bauern ohne Abitur auf das Hochschulstudium vorbereitet wurden, waren mir nicht unbekannt, weil ein entfernter Verwandter Anfang der fünfziger Jahre selbst an einer ABF gewesen war, danach Rechtswissenschaften studiert hatte und kurz vor dem Mauerbau zum Staatsanwalt berufen worden war.

1961 vermochte ich den Kontrast zur BRD noch nicht zu erfassen, umso mehr 1969. Auch wenn die tonangebenden bundesdeutschen Medien und Politiker zu leugnen versuchten, dass die westdeutsche Justiz von Altnazis durchsetzt und entsprechend auf dem rechten Auge blind war, die öffentliche Diskussion konnten sie dadurch nicht mehr verhindern. Auf der einen Seite Altnazis, auf der anderen Seite junge Menschen, die unter der Vergangenheit einen radikalen Schlussstrich ziehen sollten und – damals zweifelte ich nicht daran – auch wollten.

Fragen, Fragen, Fragen – und nicht immer Antworten

Robert Iswall, erfolgreicher Journalist und Literaturkritiker, soll eine Rede halten. Die ABF, an der er einst seine Karriere begann, steht vor der Schließung, Anlass also für eine Rückschau. Robert Iswall, Gerd Trullesand, Jakob Filter und Karl-Heinz Riek waren damals unzertrennliche Freunde. Während Robert, Gerd und Jakob im Anschluss an die ABF studieren, geht Karl-Heinz in den Westen. Warum gerade er, der doch besonders linientreu zu sein schien? Eine Dienstreise, die Robert für einen Besuch bei Karl-Heinz nutzt, lässt ihn eher noch ratloser zurückkehren.

Indem Hermann Kant seinen Roman als Rückblende angelegt hat, eröffnet er besonders Robert die Chance, sein damaliges Handeln kritisch zu hinterfragen. Heiligt der Zweck beispielsweise wirklich alle Mittel? Wo bleibt die neue, sozialistische Moral, wenn Robert seinen besten Freund und zugleich Rivalen um eine Frau von der Partei zum Studium nach China delegieren und vorher noch schnell mit einer Kommilitonin verheiraten lässt?

Mit Erstaunen muss Robert »so manche Unordnung in seinem Leben« erkennen, wo doch »ein Glanz sein sollte«. Und so geht er ans Aufräumen, bis »beinahe alles gut war«. Doch »als er wähnte, nun endlich könne er den Mund auftun, da zeigte es sich, daß ihn niemand hören wollte«. Seine Festrede wird abgesagt – weil sie »einen etwas zu sehr rückwärtsgewandten Charakter hatte«. Aus der Geschichte zu lernen ist nicht angesagt.

Die Leser allerdings dürften mehr als genug aus der Geschichte gelernt haben. Grundsätzliche Zweifel an der DDR und dem Sozialismus hatte Hermann Kant nie, die konkrete Politik allerdings hielt er keineswegs immer für gut durchdacht und alternativlos. Davon legt auch »Die Aula« reichlich Zeugnis ab.

Im Gegensatz zu Hermann Kant und Christa Wolf stellte Uwe Johnson in seinem Roman nie die Frage, wie der Aufbau einer neuen Gesellschaft gelingen könnte. Allerdings hätte sich dann »Mutmaßungen über Jakob« auch nicht geeignet, die Schulbürokratie die Kröten »Die Aula« und »Der geteilte Himmel« schmackhaft zu machen.

Am 14. August 2016 ist Hermann Kant zwei Monate nach seinem 90. Geburtstag gestorben.

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