Ausstellung beweist: Dada ist zwar 100, aber noch lange nicht tot

Für wohl keine andere Kunstrichtung kann der Beginn so genau datiert werden wie für Dada: Der Kalender zeigte Samstag, den 5. Februar 1916, als Hugo Ball und Emmy Hennings in der Spiegelgasse 1 in Zürich das Cabaret Voltaire eröffneten und damit zugleich den Dadaismus ins Leben riefen.

Dieses Jubiläum, dachte der Verleger und Handpressendrucker Marc Berger, sollte gefeiert werden: durch den »Widerdruck«-Kalender 2016. Seit bald zwanzig Jahren stellt ein kleiner Kreis von Handpressendruckern jährlich 12 bis 13 Blätter zu einem Kalender zusammen, der in kleiner Liebhaberausgabe von Hand gedruckt wird. »Dada ist 100« stieß bei den Beteiligten allerdings auf so begeisterte Resonanz, dass bald die Idee entstand, die Kalenderblätter zur Grundlage einer Ausstellung mit breiterer Beteiligung zu machen.

Herausgekommen ist auf diese Weise eine Ausstellung mit über 100 Arbeiten von 61 Handpressen und Druckkünstlern aus zehn Ländern, die noch bis zum 31. Juli 2016 in der Eremitage Gransee zu sehen ist und danach als Wanderausstellung unter anderem nach Hamburg, Halle, Stralsund, in die Schweiz und nach Italien geht.

Wäre ich nicht kürzlich in der Berlinischen Galerie auf ein Plakat von John Heartfield gestoßen, auf dem er verkündet: »Dada ist groß und John Heartfield ist sein Prophet«, hätte mich diese Ausstellung in Gransee vermutlich wenig interessiert. Doch dass Heartfield, der später mit seinen Fotomontagen gegen Militarismus und Kapitalismus weltberühmt wurde und 1918 der KPD beitrat, offenbar ein überzeugter Dadaist war, veränderte alles.

Tatsächlich war Heartfield nicht der einzige Linke in der Dada-Bewegung. Tristan Tzara ging 1936 nach Spanien, um als Interbrigadist die Spanische Republik gegen die Franco-Faschisten zu verteidigen, George Grosz und Wieland Herzfelde gehörten zumindest zeitweise der KPD an, Erwin Schulhoff vertonte das Manifest der Kommunistischen Partei als Kantate und komponierte den Liederzyklus »1917« und Otto Griebel trat den linken Künstlervereinigungen Novembergruppe und Rote Gruppe bei.

So überraschend, wie es im ersten Moment erscheinen mag, war ihr Engagement in der Dada-Bewegung jedoch nicht. Sie verband vor allem eines: das Nein-Sagen, das radikale Infragestellen. Durch den ersten Weltkrieg hatten die bis dahin für allgemeingültig gehaltenen Werte der europäischen Kultur ihre Überzeugungskraft verloren.

An die Stelle dieser alten Werte wollten die Dadaisten jedoch nicht einfach neue Werte setzen, sondern vielmehr durch ihre totale Negation den Weg zu Neuem freimachen.

Wir fanden Dada, wir sind Dada, und wir haben Dada. Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, and dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen.

Mit dieser Erklärung trat Huelsenbeck an einem Abend im Frühjahr 1916, das heißt mitten im Krieg, im Cabaret Voltaire vor das Publikum.

Dass das Cabaret und seine Künstlerinnen und Künstler polizeilich überwacht wurden, versteht sich vermutlich von selbst. Ball und Hennings warf ein Schwei­ze­rischer Untersuchungsrichter sogar vor, dass sie »revolutionäre Ideen propagieren«.

Inhaltlich so aufrührerisch präsentiert sich die Ausstellung »Dada ist 100« allerdings nicht, doch sind auch Blätter zu sehen, die nicht nur in der typographischen und graphischen Gestaltung an Dada anknüpfen.

Dazu gehört besonders Beat Brechbühls »Dada gegen Krieg«, der sich fragt, ob wir tatsächlich Menschen sein können, wo wir uns doch selbst durch Krieg zu vernichten suchen:

Krieg.
Der Mensch ist
sein erster eige-
ner letzter Ver-
nichterrrrr.
Sind
wir alle
Men-
schen?

Kritisch mit der Je-suis-Welle setzt sich Stéphane de Schrevel mit dem Blatt »Je suis Dada« auseinander, wenn das cultivé, fatigué, désolé, malade, futuriste, une pipe, là parti, ein Berliner durchgestrichen sind und nur ein »Je suis Dada« übrig bleibt.

Die meisten Künstlerinnen und Künstler brillieren jedoch durch ihr Spiel mit Buchstaben und der Sprache sowie die typographische Gestaltung ihrer Blätter. So Jürgen Meyer Jurkowski mit »ZüriBörns DadA. Balin watt DAda. HH häs nodadA Why?« und »Oehhh. Mei Little DadaMiss eim waytn for jour MusenKiss« oder Ruthann Godollei mit »King Dada«, der bei längerem Betrachten zunehmend aus dem Zweidimensionalen ins Dreidimensionale zu verschieben scheint.

Allein durch ihre Komposition aus Buchstaben, geometrischen Flächen und scherenschnittartige Figuren überzeugen Elizabeth Frasers »Out of Place«, »Out of Character« und »Out of Time«. Mit »Dada statt Blabla« ist Marc Berger dabei.

Sehr gelungen ist auch der zur Ausstellung erschienene Katalog, in dem alle Blätter abgedruckt sind.

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