Bertolt Brechts »Lesebuch für Städtebewohner« als literarische Vorwegnahme der Judenvernichtung

Um sonst die Originale von Bertolt Brechts Gedichten für das geplante, aber nie vollendete »Lesebuch für Städtebewohner« anschauen zu können, muss man schon ein tiefer gehendes wissenschaftliches Interesse nachweisen. Auf dem Sommerfest 2016 im Brecht-Haus in Berlin bot sich nun auch für »Normalsterbliche« die seltene Gelegenheit, die Manuskripte mit Brechts handschriftlichen Korrekturen betrachten zu dürfen.

Die zehn Gedichte, die Brecht später unter dem Titel »Aus dem Lesebuch für Städtebewohner« zusammenfasste, entstanden 1921 bis 1926. Einzeln veröffentlicht wurden sie von November 1926 bis Januar 1927 im linksliberalen Berliner Börsen-Courier und im Dezember 1930 schließlich als Zyklus unter dem Namen »Aus dem Lesebuch für Städtebewohner« in Heft 2 der »Versuche«.

In ihnen beschreibt Brecht das soziale Elend in der vom Kapitalismus geprägten Großstadt. Es sind Gedichte ohne jedes Pathos, kalt, unsentimental und oft voller Sarkasmus. So heißt es in einem Gedicht sarkastisch: »Ihr müsst das ABC noch lernen. / Das ABC heißt: / Man wird mit euch fertig werden.« Und in einem anderen: »Denkt nur nicht nach, was ihr zu sagen habt: / Ihr werdet nicht gefragt.“« Die Städtebewohner sollen sich keine Illusionen machen: Sie haben zu funktionieren und zu gehorchen.

Hatte Brecht die kapitalistische Großstadt an sich gemeint, kam in der Rezeption mit der Machtübergabe an die Nazis eine weitere Ebene hinzu: die durch die Emigration verursachte totale Isolierung.

Zu jenen Zeitgenossen, die voll des Lobes für diese Gedichte aus dem Lesebuch waren, gehörte auch Arnold Zweig. In einem Brief an Brecht berichtete Arnold Zweig am 18. August 1935, dass er die Gedichte mit veränderten Überschriften, die Bezug auf die Emigration nähmen, vorgetragen habe und »der Eindruck auf die bürgerlichen Zuhörer betäubend« gewesen sei. Brecht solle sie deshalb noch einmal unter dem Titel »Bertolt Brecht gestaltet die Erlebnisse der Emigration vor der Emigration« veröffentlichen.

Noch einen Schritt weiter ging 1939 Walter Benjamin, der im dritten Gedicht des Zyklus die Vernichtung der Juden literarisch vorweggenommen sah, wenn Brecht schrieb: »Wir wollen den Ofen nicht reinreißen / Wir wollen den Topf auf den Ofen setzen. / Haus, Ofen und Topf kann bleiben / Und du sollst verschwinden«. An dieser Stelle brach Benjamin sein Zitat ab, denn die Vernichtungslager der Nazis konnte er sich genauso wenig wie die anderen Nazi-Gegner vorstellen. Drei Jahre später war dann auch das Realität: »wie der Rauch im Himmel / Den niemand zurückhält.«

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