Mit dem Selfpublishing sollte alles anders werden – Konservatismus war damit jedoch nicht gemeint

Vielleicht trauere ich einfach nur zu sehr den Illusionen der ersten Stunde nach. Was wurde Mitte der 1990er Jahre gejubelt, als mit dem aufkommenden Digitaldruck ganz neue Veröffentlichungsmöglichkeiten entstanden. Endlich konnte jeder nicht nur schreiben, sondern auch veröffentlichen. Niemand musste sich mehr den Profitinteressen der Verlage unterordnen. Ganz viel Neues, noch nie Dagewesenes sollte entstehen.

Und heute? Wo sind all die vielen kreativen Neuschöpfungen? Vielleicht sehe ich immer nur die anderen Titel und nie die noch nie dagewesenen. Repräsentativ ist mein Überblick sicherlich nicht und sehr subjektiv zweifellos auch meine Wahrnehmung. Doch zahlreiche Gespräche mit Autorinnen und Autoren lassen für mich keine Zweifel aufkommen: Die Selfpublisher-Szene ist eher noch konservativer als die Verlagsszene.

Aber wirklich überraschen kann das nicht.

Als ich Ende der 1970er Jahre an der Freien Universität in Berlin Publizistik studierte, stand gerade eine andere große Neuerung in den Startlöchern: der offene Kanal. Endlich sollten nicht nur Redakteure Fernsehen machen können, sondern jeder Interessierte, der meinte, seinen Mitmenschen etwas mitteilen oder erzählen zu wollen.

Die Grundidee dazu hatte bereits 1927 bis 1932 Bertolt Brecht mit seiner Radiotheorie gelegt. In den 1970er Jahren griff Hans Magnus Enzensberger sie in seinem Medienbaukasten auf und erweiterte sie auf das Fernsehen und den Videobereich. Aus dem Distributionssystem Rundfunk – und das schließt Radio und Fernsehen ein – sollte ein Kommunikationssystem Rundfunk werden. Aus den passiven Zuhörern und Zuschauern sollten aktiv mitgestaltende Bürger werden.

Die Begeisterung für diese Idee ließ in den Diskussionen am Publizistischen Institut der Freien Universität die Teilübergabe des bis dato öffentlich-rechtlichen Rundfunks an private Rundfunkanbieter häufig in den Hintergrund treten. Geträumt wurde stattdessen von kleinen, mit der notwendigen Aufnahmetechnik ausgestatteten Studios überall in den Wohngebieten. Von keinen Politikern und privaten Anbietern kontrollierte offene Kanäle sollten sicherstellen, dass tatsächlich gesendet würde, was die Bürger gestalteten.

Was tatsächlich aus den offenen Kanälen geworden ist, hat mit unseren damaligen Diskussionen nichts mehr zu tun. Mehr als ein Schattendasein führen sie kaum irgendwo. Vor allem aber ist die umfassende Beteiligung der Bürger ein Traum geblieben.

Und das Selfpublishing?

Eine Erwartung hat sich zweifellos erfüllt: Noch nie wurden so viele Bücher veröffentlicht. War früher nach dem Schreiben meistens Schluss, weil die wenigstens Manuskripte bei den Verlagen bestehen konnten, werden heute aus den meisten Manuskripten tatsächlich Bücher. Doch Neues, noch nie Dagewesenes hat nur wenig das Licht der Welt erblickt.

Dabei bin ich überzeugt, dass manche Selfpublisher durchaus Voraussetzungen mitbringen, um durch neue, unkonventionelle Ideen aufzufallen. Nur – warum hart an sich arbeiten und bis zur nächsten (geldbringenden) Veröffentlichung viele Monate verstreichen lassen, wenn es auch anders geht? Zumindest in einer Hinsicht gelten im Selfpublishing längst die gleichen Regeln wie in den Verlagen: Geschrieben wird, was sich besonders gut verkaufen lässt. Dass da für Experimente kein Platz ist, versteht sich von selbst.

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