Seit mehr als einem halben Jahrhundert gehört Leonhard Kossuths Herz der multiethnischen sowjetischen Literatur

Leonhard Kossuth hat nicht nur über Jahrzehnte als Cheflektor im Verlag Kultur und Fortschritt sowie leitender Lektor für Sowjetliteratur im Verlag Volk und Welt, sondern ebenso als Literaturkritiker für den DDR-Rundfunk und die Berliner Zeitung ganz entscheidend zur Popularisierung sowjetischer Schriftsteller in der DDR beigetragen. Heute sind es Zeitungen wie Neues Deutschland, Ossietzky und Blättchen, in denen er nunmehr für die multiethnische Literatur der ehemaligen Sowjetunion wirbt.

Eine kleine Auswahl seiner zwischen 1973 und 2015 erschienenen Rezensionen hat er Ende März 2016 im Max-Lingner-Haus in Berlin vorgestellt. 120 seiner Rezensionen liegen seit 2015 zudem in einem Sammelband vor, den der Nora-Verlag unter dem etwas unglücklichen Titel »Aber der Wagen, der rollt« veröffentlicht hat.

Gerade die multinationale Vielfalt der sowjetischen Literatur aufzuzeigen, war ihm immer ein besonderes Anliegen, und das gleichermaßen als verantwortlicher Lektor wie als Rezensent. Davon legte auch der Abend im Max-Lingner-Haus Zeugnis ab. So reichte die Palette der vorgestellten Schriftsteller von den Russen Daniil Granin, Daniil Charms und Wassili Makarowitsch Schukschin über den Litauer Alfonsas Bieliauskas, den Kasachen Äbdischämil Nurpeissow und den Georgier Micheil Dshawachischwili bis zu dem Kirgisen Tschingis Aitmatow, dem Wolgadeutschen Herold Belger und dem Tschuktschen Juri Rytcheu.

Einen großen Anteil an der Popularisierung der sowjetischen Literatur hatte seine Frau Charlotte, die als Lektorin und Übersetzerin beim Aufbau-Verlag arbeitete. Den ihr gewidmeten Text »Ach, Charlottchen« mochte er allerdings nicht vorlesen. Ihr Tod – sie starb 2014 – erschüttert ihn noch immer so schwer, dass er den Text stattdessen kopiert zur Selbstlektüre an die Besucher verteilte.

Einleitend lass Kossuth seine »Hinter der Fassade« überschriebene Betrachtung über den Palast der Republik in Ost-Berlin, der über Jahrzehnte ein »literarisches Zentrum Berlins« gewesen sei. In dem hier beheimateten tip Theater im Palast lasen und diskutierten neben Schriftstellern aus der DDR immer wieder auch ausländische Schriftsteller. Viele der Lesungen mit sowjetischen Schriftstellern fanden unter Beteiligung von Kossuth statt. Vor allem die Literaturen der kleinen nichtrussischen Ethnien, bedauert er, finden heute kaum noch öffentliche Beachtung.

Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.