Christian Adam über die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945

Seitdem 2010 seine Untersuchung »Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich« erschienen ist, gilt der Literaturwissenschaftler Christian Adam als Fachmann für eine neue, ungewohnte Betrachtungsweise des nationalsozialistischen Literaturbetriebes. Auf einer Diskussionsveranstaltung am 22. März 2016 im Literaturforum im Brecht-Haus stellte er nun seine neueste Untersuchung vor: »Der Traum vom Jahre Null. Die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945«.

Für Adam bestehen keine Zweifel, dass »wir« 1945 nicht bei null begonnen haben. Das konnte alleine schon deshalb nicht der Fall sein, weil die Menschen die gleichen geblieben waren. So wenig wie sich ihr Weltbild alleine durch die Befreiung – oder, wie wohl eine Mehrheit formulierte, die Niederlage – änderte, änderten sich auch ihre Lesegewohnheiten.

Besonders belastete Schriftsteller wie Heinrich Anacker, Ludwig Friedrich Barthel, Max Barthel, Adolf Bartels, Werner Beumelburg, Karl Bröger, Edwin Erich Dwinger, Kurt Eggers, Richard Euringer, Paul Ettighoffer, Gustav Frenssen, Hans Grimm, Robert Hohlbaum, Hanns Johst, Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel, Wilhelm Pleyer, Gerhard Schumann, Georg Schmückle, Will Vesper oder Josef Weinheber wurden zwar vor allem in der sowjetischen Zone, vielfach aber auch in der amerikanischen, britischen und französischen Zone aus öffentlichen Bibliotheken ausgesondert, aber in den privaten Bücherschränken standen sie weiterhin. Und sie standen dort nicht nur, sondern wurden vielfach auch weiterhin gelesen.

Von einem »voraussetzungslosen Neuanfang«, so Adam, konnte also in keiner Weise die Rede sein. Hinzu kam, dann in der BRD viele der kurz zuvor noch ausgesonderten Autoren bald wieder unbehindert publizieren konnten. Schon eine flüchtige Beschäftigung mit den Biographien von Autoren und Verlegern lasse eine eindeutige personelle Kontinuität erkennen.

Eine Kontinuität stellt Adam auch für die DDR fest, allerdings erwartungsgemäß keine personelle, sondern eine strukturelle. In der DDR, so seine gewagte These, sei dagegen an die Strukturen und Methoden des gelenkten Literaturmarktes der NS-Zeit angeknüpft worden. Immerhin warnt er selbst, dass trotzdem »eine simple Gleichsetzung […] verkürzt und falsch« wäre.

Zu recht verweist Adam darauf, dass zu jener Zeit »einfache Reiz-Reaktions-Modelle« das Denken bestimmten. Würde man den Reiz, also den Buch-Input, verändern, so die Annahme, würde sich automatisch auch die Reaktion, also die politische Haltung der Leser, verändern.

Von daher darf es nach Adam nicht überraschen, wenn die Nazis und ihre Gegner die Leser vielfach mit den gleichen Methoden zu beeinflussen versuchten. So wie die Nazis dachten, durch das Verbot linker Literatur und die Förderung nationalsozialistischer Autoren ihre weltanschauliche Position in der Gesellschaft stärken zu können, dachten umgekehrt auch die Alliierten und deutschen Antifaschisten, durch ein Verbot nationalsozialistische Ideen verbreitender Literatur zugleich dieses Gedankengut ausmerzen zu können.

Natürlich konnte der Abend im Brecht-Haus nur einen kleinen Einblick in Adams neueste literaturwissenschaftliche Untersuchung bieten. Deutlich wurde allerdings bereits, dass sich eine genauere Auseinandersetzung mit seinen Untersuchungsergebnissen zweifelsohne lohnt.

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