Mit Ruth Rehmann starb jetzt eine der Letzten aus der legendären Gruppe 47

Ruth Rehmann? Ruth Rehmann … Nie gehört. Hätte es nicht die zahlreichen Nachrufe auf die am 29. Januar 2016 kurz vor ihrem 94. Geburtstag verstorbene Schriftstellerin gegeben, wäre mir der Name wohl auch weiterhin unbekannt geblieben. Dabei ist ihr Werk nicht gerade klein zu nennen und gehörte sie zu den Autorinnen und Autoren der legendären Gruppe 47.

Dass sie sich gegen Schriftsteller wie Günter Grass, Martin Walser oder Heinrich Böll nicht durchzusetzen vermochte, lag weniger an der literarischen Qualität ihrer Bücher als vielmehr an ihrer Zurückhaltung, was ihre eigenen Werke betraf, und den teilweise vielen Jahren Abstand zwischen ihren Veröffentlichungen. Trotzdem weist die Deutsche Nationalbibliothek 13 Romane und Erzählbände von ihr aus, zu denen noch rund ein Dutzend Hörspiele hinzukommen.

Ihr letzter Roman – »Ferne Schwester« – erschien 2009. Damals zählte sie bereits 87 Jahre. Für viele Kritiker gilt die Geschichte von der jungen Madeleine, die im Zweiten Weltkrieg ihre Familie verloren hat und erst auf einer Reise durch Algerien ihre eigene Geschichte zu verstehen beginnt, als ihr bestes Werk.

Andere wollen diese Auszeichnung ihrem Roman »Fremd in Cambridge« zuerkennen, in dem die Deutschlehrerin Elisabeth das Handtuch wirft und in England zu sich selbst zu finden sucht. Obwohl sie gut Englisch spricht, merkt sie bald, wie wenig sie ihre englischen Gastgeber versteht und trotz aller Bemühungen eine Fremde bleibt.

Die meisten Romane Rehmanns sind autobiographisch gefärbt, ohne jedoch tatsächlich Autobiographien zu sein. Im Mittelpunkt stehen fast immer Frauen. Eine Ausnahme stellt »Der Mann auf der Kanzel« über ihren Vater dar, der, evangelischer Pfarrer in einer kleinen rheinischen Gemeinde, wie so viele Menschen in der NS-Zeit weggeschaut hat.

Auch Rehmann schaute damals weg – und zog nach 1945 die Konsequenzen. Immer wieder hat sie sich literarisch mit der Frage des Schuldigwerdens durch Wegschauen auseinandergesetzt. Immer wieder hat sie sich zudem auch politisch engagiert, so gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen eine atomare Aufrüstung der BRD und gegen den NATO-Doppelbeschluss. 1983 kandidierte sie für die Grünen für den Bundestag. Eine Veröffentlichung in der Süddeutschen Zeitung brachte ihr Anfang der sechziger Jahre sogar Morddrohungen ein.

Ihre Berufskolleginnen und -kollegen in der Gruppe 47 wussten mit Rehmann nicht allzu viel anzufangen. Als sie dort 1958 aus ihrem noch unveröffentlichten Erstling »Illusionen« vorliest, in dem es um den Arbeitsalltag und die Wochenendvergnügungen von vier Angestellten eines Großraumbüros geht, findet sie mit ihm eine freundliche Aufnahme und gilt sogar als Anwärterin auf den Preis der Gruppe, wird aber auch als »Unterhaltungsliteratur« und – so Günter Grass – »ganz daneben« verrissen.

Persönlich sehr viel schlimmer muss es sie getroffen haben, als 1963 ihr Roman »Die Leute im Tal« auf massive Ablehnung stieß und Kritiker aus der Gruppe 47 ihn in die Nähe der faschistischen Blut-und-Boden-Literatur zu rücken versuchten. Dabei handelte es sich bei »Die Leute im Tal« um das genaue Gegenteil.

Eine Augenerkrankung hat ihr das Leben in den letzten Jahren schwer gemacht. Nach »Ferne Schwester« hatte sie bereits angekündigt, keinen weiteren Roman mehr schreiben zu wollen, weil ihr das Lesen und damit auch Schreiben zunehmend schwerer fiel. Lesen konnte sie zuletzt fast nur noch mit Hilfe einer Lupe, so dass sie zunehmend auf Hörbücher angewiesen war.

Dieser Beitrag wurde unter Autoren abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.