Mit Formeln und Diagrammen tun sich E-Books noch immer schwer

Tagelang habe ich einst als Student und später als Autor in der Bibliothek gesessen und überlegt, welche Sätze und Absätze ich in der gerade im Entstehen begriffenen Arbeit vermutlich zitieren würde, um sie dann mühselig abzuschreiben. Und heute? Noch immer sitze ich mehr oder weniger regelmäßig in der Bibliothek, um mögliche Zitate herauszuschreiben – und das trotz des E-Book-Booms.

Würde ich nur aus belletristischen Werken zitieren, könnte ich hoffen, bequem per Copy and Paste kopieren zu können. Zumindest Werke, für die der Urheberschutz abgelaufen ist, liegen inzwischen häufig als nicht kopiergeschützte E-Books vor. Anders sieht es allerdings mit aktuelleren Werken aus, die es fast nur mit Kopierschutz gibt. Aber damit ließe sich leben, auch wenn die Abschreiberei nervig ist.

Das eigentliche Problem stellen vielmehr Fachbücher dar, wobei ich mit Fachbüchern keine Titel wie »In 30 Tagen Millionär werden« oder »Meine Gespräche mit Gott« meine, sondern tatsächliche Fachbücher.

Wenn es dabei »nur« um den Kopierschutz ginge … Doch ausnahmsweise nervt nur selten ein Kopierschutz. Dazu müsste es die Fachbücher überhaupt erst einmal als E-Books geben. Doch Fachbücher als E-Books stellen noch immer eine Rarität dar.

Eine Suche in der E-Book-Rubrik von bücher.de bestätigt es. Gleich an erster Stelle stand beispielsweise am 30. August 2015 der Titel »Jungsspaß und Mädchenpanik«, ihm folgte »Und Gewissheit wirst du haben« und auf Platz drei ging es weiter mit »Der Ruf der Trommel«. Auf Platz 21 endlich fand sich mit »Windows 10 – Richtig nutzen von Anfang an!« der erste wirkliche Sachbuchtitel.

Erst wenn man weiter hinabsteigt in die verschiedenen Sachbuchrubiken beginnt sich das Bild zu ändern. Aber auch in der allgemeinen Rubrik Naturwissenschaften wimmelt es noch von Titeln wie »Der dritte Zwilling«, »Die Angebetete« oder »Nachrichten aus einem unbekannten Universum«. Nicht grundlegend besser sieht es in der Hierarchie Mathematik aus.

Erst wer sich beispielsweise zur Algebra, zu den komplexen Zahlen oder der Analysis durchgeklickt hat, darf wirklich auf Fachbücher hoffen. Die meisten Titel, die als E-Book angeboten werden, liegen allerdings nur im PDF-Format vor. Was auf dem PC oder Laptop noch okay sein mag, erweist sich auf dem Tablet bereits nur noch als wenig lesefreundlich. Auf eInk-Readern mag man sie endgültig nicht mehr lesen.

E-Books im Epub-Format sind dagegen fast gar nicht zu finden.

Abgesehen davon, dass die meisten Verlage noch auf kopiergeschützte E-Books setzen, macht das Kopieren aus PDF-Dateien alles andere als Spaß. Jeder Zeilenumbruch und damit auch jeder Silbentrennstrich werden mitkopiert, Sonderzeichen verschwinden oder mutieren zu wunderliche Zahlen-Buchstaben-Gebilde, Textauszeichnungen gehen verloren.

Nun ist es zwar nicht so, dass es keines dieser Probleme nicht auch mit Epub-Dateien geben kann. Textauszeichnungen gehen genauso verloren, wenn man den Text nicht sehr umständlich aus dem Sourcecode kopieren möchte, und ebenso können einen Sonderzeichen zur Verzweiflung treiben. Nicht herumschlagen muss man sich dagegen mit Zeilenumbrüchen und Silbentrennstrichen.

Dass es bislang so wenig Fachbücher im Epub-Format gibt, liegt allerdings am wenigsten am mangelnden Interesse der Verlage und verlagsunabhängigen Autoren. Die Bremser sitzen vielmehr bei den Entwicklern und Herstellern der für die Darstellung der E-Books notwendigen Software. So kann zum Beispiel die Darstellung von Vektorgrafiken keineswegs vorausgesetzt werden. Statt im frei skalierbaren SVG-Format werden deshalb zum Beispiel Diagramme meistens als JPG- oder PNG-Datei eingefügt, auch wenn sie bei starker Skalierung dann nahezu unlesbar werden.

Das größte Problem stellen allerdings mathematische und chemische Formeln dar, ohne die kaum ein naturwissenschaftliches Fachbuch auskommt. Ihre unkomplizierte Einbettung gewährleistet erst das neue Epub 3, das aber bislang von kaum einem Gerät unterstützt wird. Die Einbindung aller Formeln als Vektorgrafiken jedoch scheitert an der bereits genannten ungenügenden Unterstützung von Vektorgrafiken durch die Geräte.

Ein anderes enormes Problem stellen die in Fachbüchern üblichen Stichwortverzeichnisse dar. Mit dem entsprechenden Aufwand lassen sie sich zwar auch bereits jetzt erstellen, doch einen wirklichen Fortschritt wird erst die Epub Indexes Extension für Epub 3 bringen. Noch liegt sie der für die Standardisierung zuständigen IDPF nur als Empfehlung vor – und dann müssen die Software-Entwickler die neue Möglichkeit auch noch implementieren.

Ich befürchte, ich werde auch noch die nächsten Jahre viele Stunden in der Bibliothek verbringen müssen, um mir mühsam mögliche Zitate herauszuschreiben statt bequem herauszukopieren.

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