Günther Bachs »Wirrwahr« über triviale Zeiten und verpasste Chancen

Nein, bei dem Titel »Wirrwahr« handelt es sich keineswegs um einen Druckfehler. Günther Bach hat für seinen zweiten Lyrikband ganz bewusst die beiden Antagonismen »wirr« und »wahr« zu dem scheinbaren Paradoxon »Wirrwahr« verknüpft. Tatsächlich präsentiert er zugleich Wirres und Wahres, die im Gegensatz zu seinem ersten Gedichtband »Toter Briefkasten« in ungereimter Form daherkommen. Er selbst nennt sie deshalb auch nicht Gedichte, sondern Minimalprosa. Daneben findet sich in dem Band auch eine kleine Auswahl an Kurzgeschichten.

Auch diese Gedichte – um solche handelt es sich trotz seiner Bescheidenheit – zeichnen sich wieder durch eine leichte Melancholie und teilweise auch verhaltene Trauer aus. Es ist unverkennbar: Günther Bach fühlt sich in eine »Triviale Zeit« hineingewachsen, und diese Zeit ist nicht seine Zeit.

Es ist nicht die Zeit
für Mondschein und warte nur, balde –
[…]
Die Zeit meines Lebens –
es stand mir nicht frei, sie zu wählen:
Sie ist dieses Heute.
Wenn ich davon reden will,
muss ich seine Sprache benutzen.

An die Möglichkeit, Verhältnisse ändern zu können, glaubt er nicht mehr. Die »Resignation« hat längst überhandgenommen. Nicht immer sind daran allein die äußeren Umstände schuld, oft tragen dazu ebenso die eigenen Versäumnisse bei:

Zu spät angetreten
beim Marsch durch die Institutionen,
zu früh angekommen,
um der Gnade der späten Geburt
teilhaftig zu werden,
[…]
Zu lange gezögert,
wenn es darauf ankam;
zu wenig gekämpft,
wenn es nötig war.

Dass seine ganze Leidenschaft dem Schießen mit Pfeil und Bogen gilt, hat er bereits mit seiner Romantetralogie »Das Horn des Hasen«, »Pfeile im Nebel«, »Gegen den Strom« und »Das unsichtbare Ziel« gezeigt. So ist es wohl kein Zufall, dass gerade sein »Bogenschießen« überschriebenes Gedicht sehr versöhnlich klingt.

Dass ich den Punkt sehe,
den mein Pfeil treffen wird,
weiß ich –
und vergesse ich.

Dass ich die Sehne
bis in den Anker ziehe,
spüre ich –
und vergesse ich.

Dass ich die Sehne freigebe,
im rechten Moment,
geschieht,
wenn ich alles vergessen habe.

Dass ich dem Pfeil nachsehe,
unbewegt,
auf seinem Weg ins Ziel,
ist ein Geschenk
des Vergessens.

Mir hat Günther Bachs Gedichtband »Wirrwahr« ausnahmslos gut gefallen. Die Gedichte sind sprachlich sehr gelungen und regen zum Nachdenken über den Zeitgeist und das eigene Leben an.

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