Victor Grossman über seinen abenteuerlichen Weg vom Broadway an die Karl-Marx-Allee in Ostberlin

Dass Menschen aus dem Osten in den Westen geflohen sind, darüber haben die Medien millionenfach berichtet und sind Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Bücher erschienen, dass es Menschen gab, die den entgegengesetzten Weg gingen, wird dagegen bis heute meistens geschwiegen. Einer, der aus den USA in die DDR flüchtete, ist Victor Grossman.

Freiwillig hat er sich allerdings nicht »Vom Broadway zur Karl-Marx-Allee« aufgemacht, wie seine Lebenserinnerung »Crossing the River« im Untertitel heißt. Victor Grossman, der damals noch Stephen Wechsler hieß, war als Sohn jüdischer Eltern, deren Vorfahren aus Angst vor antijüdischen Pogromen aus Russland in die USA geflohen waren, früh mit Kommunisten und deren Ideen in Berührung gekommen. Schon als Schüler wurde er Mitglied der Young Communist League und als Student trat er schließlich auch der Communist Party USA bei.

Solange in den USA eine weitgehend liberale Atmosphäre herrschte, war das zwar für die berufliche Karriere hinderlich, stellte aber ansonsten kein existentielles Problem dar. Mit dem McCarran Act beginnt sich das jedoch drastisch zu ändern. Kommunisten und andere Linke stehen jetzt plötzlich wieder mit einem Fuß im Gefängnis. Als er wegen des Koreakrieges gemustert wird, wagt er deshalb nicht, seine Zugehörigkeit zu mehreren auf dem Index stehenden Organisationen zuzugeben.

Anfangs scheint alles gut zu gehen. Das Militär scheint kein Misstrauen zu haben und Victor Grossman wird zudem nicht nach Korea, sondern als Besatzungssoldat nach Deutschland geschickt. Doch Militär und FBI bleiben nicht inaktiv. Was er nicht ahnt, ist eine Denunziation, die ihm schließlich eine Vorladung zum Militärgericht nach Nürnberg verschafft. Ihm ist klar, was das heißt: eine möglicherweise mehrjährige Haft in einem Militärgefängnis in Deutschland oder im berüchtigten Lager Fort Leavenworth in Kansas.

So entschließt er sich zur Flucht in den sowjetischen Machtbereich und durchschwimmt bei Linz die Donau. Sein Traumziel ist zwar nach den Verbrechen der Nazis nicht Deutschland, auch wenn es sich um die DDR handelt, aber sein Ziel wählen darf er nicht – und so landet er schließlich in der DDR.

Aus Stephen Wechsler wird Victor Grossman

Um seine Eltern, Verwandte und Freunde nicht zu gefährden, nimmt Stephen Wechsler den Namen Victor Grossman an, den er bis heute beibehalten hat.

Den größten Teil des Buches nehmen die Jahre in der DDR ein. Von seiner Überzeugung, dass eine bessere Welt möglich ist, ist Victor Grossman trotz aller Probleme und Widersprüche, die er in der DDR erlebt hat, nie abgerückt. Im Gegensatz zu manchen anderen, versucht er sich an keiner Stelle zu einem großen Widerständler hochzustilisieren. Nach dem Munde geredet hat er den Parteioberen allerdings auch nicht.

Sowohl in Vorträgen und Diskussionen als auch in Briefen an führende Politiker kritisierte er wiederholt die Phrasendrescherei von Politikern und Medien, die häufige Kaltherzigkeit gegenüber abweichenden Meinungen und barsche Zurückweisung jeglicher Kritik. Immer wieder lehnte er sich gegen Dummheiten auf wie zum Beispiel die Anweisung, die Zahl der im Radio gespielten amerikanischen Titel drastisch zu reduzieren und davon auch nicht die Protestsongs von den Kommunisten nahestehenden Künstlern wie Paul Robeson, Peet Seeger oder Perry Friedman auszunehmen. Oder dass eine junge Frau von ihrer FDJ-Gruppe gerügt wurde, weil sie mit rot geschminkten Lippen am Arbeitsplatz erschien.

Kleingeisterei, mangelnde Flexibilität und Offenheit, so seine Überzeugung, machten erst viele DDR-Bürger zu Gegnern oder trieben sie sogar in den Westen.

Selbst war Victor Grossman nie Mitglied der SED. Sein Eintritt scheiterte, als er darauf beharrte, weiterhin selbständig denken und sich eine eigene politische Meinung bilden zu dürfen.

Dass er als Amerikaner die Verhältnisse in der DDR häufiger mit denen in den USA als in der BRD vergleicht, dürfte nicht überraschen. Es sind vor allem das Sozialsystem, das Gesundheitswesen und die Arbeitsplatzsicherheit, in denen er die DDR den USA weit überlegen sieht.

Der Vergleich zwischen der DDR und der BRD fällt dagegen deutlich ambivalenter aus. Im Lebensstandard habe die DDR immer eindeutig zurückgelegen. Die Ursachen sieht er vor allem in den schlechteren Ausgangspositionen 1945. Wirtschaftlich ohnehin schon weniger entwickelt als die Westzonen, musste die SBZ und später DDR erhebliche Reparationsleistungen erbringen. Hinzu kamen später das Wirtschaftsembargo des Westens und eine gezielte Abwerbung von Fachkräften. Gepaart mit eigenen Fehlern habe die DDR schließlich im Konkurrenzkampf immer weniger bestehen können.

Als großen Pluspunkt sieht Victor Grossman, dass es in der DDR niemals möglich gewesen sei, »dass eine Handvoll von Familien 40 und mehr Prozent des Reichtums besaß«. Das größte Verdienst der DDR war nach seiner Überzeugung indes die konsequente Entmachtung der Nazis und der sie stützenden Konzerne, war der Antifaschismus als Staatsdoktrin.

Alles in allem bietet Victor Grossmans Lebenserinnerung »Crossing the River« einen sehr lesenswerten Einblick in das Leben in der DDR, weil er aus einem eher unüblichen Blickwinkel geschrieben wurde. Das einzige Bedauerliche sind die unzähligen Kommafehler. Ein sorgfältigeres Korrektorat hätte dem Buch sehr gut getan.

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