Martin A. Völker lässt seine Gedichte und Kurzprosa wie Wespen zustechen

Selbst die größten Literaturenthusiasten schaffen es nicht, auch nur einen Bruchteil der Lesungen in Berlin wahrzunehmen. Wer beachtet werden möchte und (noch) über keinen zugkräftigen Namen verfügt, muss sich deshalb etwas einfallen lassen. Mit einer besonders gelungenen Idee macht seit Langem der kleine, in der Hauptstadt ansässige Aphaia-Verlag von sich reden: den Mitlesebüchern.

Am 15. April 2015 hatte er wieder eingeladen, diesmal zu einer »Trost Hawaii – Dichtung und Klarheit« überschriebenen Lesung mit Gedichten und Kurzprosa von Martin A. Völker. Musikalisch begleitet wurde er von der Sängerin und Gitarristin Jana Berwig. Alle Texte, die der Berliner Schriftsteller, Kulturwissenschaftler und Herausgeber vortrug, lagen in einem Mitlesebuch zum, wie es das Wort bereits sagt, Mitlesen bereit.

Martin A. Völker liest aus seinen Arbeiten
Martin A. Völker liest aus seinen Arbeiten

Mit »Trost Hawaii – Dichtung und Klarheit« hat der Aphaia-Verlag sein bereits 130. Mitlesebuch seit 1994 veröffentlicht. Illustriert ist es mit sechs Holzschnitten des Grafikers Horst W. König, die während der Lesung auch im Original zu sehen waren. Wie üblich ist auch dieser Band in einer limitierten Auflage von nur 50 nummerierten und vom Autor signierten Exemplaren erschienen.

Es sind sehr nachdenkliche Gedichte und Prosatexte, die Martin A. Völker an dem Abend im Lessing-Salon des Lessing-Hauses im Berliner Nikolaiviertel vorgetragen hat und die dementsprechend im Mitlesebuch versammelt sind. Anlass beispielsweise für sein Gedicht »Sommergrau« war der Tod seiner Mutter, doch schildert er nicht den Tod, sondern die Veränderungen der Farbe während eines Tages:

Sommergrau, sommergrau.
Asche wird niemals blau,
tropft in sie auch Morgentau.

Nimmermehr himmelblau!
Erstarrend im Verhau,
bleibt sommergrau sommergrau!

Wie in diesem Gedicht spielt er gerne mit dem Vertauschen von einzelnen Buchstaben, die einem Wort und damit dem ganzen Gedicht einen neuen Inhalt geben. So zum Beispiel auch in »Trost Hawaii«, mit dem er bewusst an das Vaterunser ansetzt und dieses in sein Gegenteil verkehrt:

Und verdirb nicht unsere Schuld,
wie auch wir vergeben nie den Schuldigern.
Und erspare uns keine Versuchung,
sondern mehrere das vermeintlich Böse.
Denn dein ist der Streich und die Kraft
und die Begehrlichkeit in Ewigkeit.

Lebhafte Diskussionen löste sein Prosatext »Zum Tee bei Himmlers« aus. Autoren müssten Stellung beziehen, anprangern und wie Wespen zustechen, begründet Martin A. Völker (nicht nur) diesen Text. Angesichts der Machenschaften der Terrorgruppe NSU sei es dringend erforderlich, das Böse nicht zu dämonisieren, sondern gerade auch die »Banalität des Bösen« aufzudecken. Um vom Grauen nicht gelähmt zu werden, sei es notwendig, vor dem, was uns in Angst und Schrecken versetzt, jeden falschen Respekt zu verlieren. Ob es ihm mit diesem Prosatext gelungen ist, einen Beitrag dazu zu leisten, blieb allerdings umstritten. So wurde gefragt, ob auf diese Weise die Verantwortlichen für das Grauen nicht banalisiert und ihre Verbrechen zu sehr in den Hintergrund gerückt würden.

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