Zwischen Kriegseuphorie und Friedenssehnsucht: deutsche Autorinnen und Autoren 1914 bis 1916

»Komm, wir wollen sterben gehen […] Eh’ ich nicht durchlöchert bin, kann der Feldzug nicht geraten«, jubelte Gerhart Hauptmann im Frühjahr 1915, als sein Sohn Ivo zur Front eingezogen wurde. Ein dreiviertel Jahr tobte der Krieg bereits. Ganz so ungebrochen wie in den ersten Kriegstagen und -wochen war die Begeisterung in der Bevölkerung bereits nicht mehr. Unter die Stimmen der Kriegsbegeisterten mischten sich zunehmend Stimmen von Kriegsmüden und Kriegsgegnern.

Als Kaiser Wilhelm II. am 31. Juli 1914 den Kriegszustand erklärte, sah das noch ganz anders aus. Selbst die sozialdemokratische Rechtstagsfraktion stimmte am 4. August einstimmig den Kriegskrediten zu und diffamierte in der Folgezeit alle Kriegsgegner als Vaterlandsverräter. So gab es für die übergroße Mehrheit der Schriftstellerinnen und Schriftsteller keinen Grund, nicht im Kriegstaumel mitzuschwimmen.

Beredtes Zeugnis von der anfänglichen Kriegseuphorie legt auch die vom Reclam-Verlag herausgegebene Anthologie »Mobilmachung 1914. Ein literarisches Echolot« ab, die autobiographische Texte und literarische Selbstzeugnisse deutschsprachiger Autorinnen und Autoren vom Vorabend des ersten Weltkrieges bis etwa zur Schlacht an der Somme 1916 versammelt. Zusammengestellt wurde der Band von dem Historiker Matthias Steinbach.

Zu den wenigen Schriftstellern, die den Krieg vom ersten Tage an ablehnten, gehörten Johannes R. Becher, Leonhard Frank, Arnold Zweig, René Schickele und Heinrich Mann. Selbst der Anarchist und Bürgerschreck Erich Mühsam fühlte sich im ersten Moment »irgendwie ergriffen von dem allgemeinen Taumel, entfacht von zorniger Leidenschaft, wenn auch nicht gegen etwelche ›Feinde‹, aber erfüllt von dem glühend heißen Wunsch, daß ›wir‹ uns vor ihnen retten!«

Schriftsteller wie Rudolf Leonhard, Walter Hasenclever oder Robert Musil meldeten sich dagegen freiwillig an die Front. Unbedingt in den Krieg wollte ebenfalls Joachim Ringelnatz. Da er wegen seiner körperlichen Konstitution nicht an die Front durfte, wandte er sich sogar mit einem Bettel- und Beschwerdebrief an Kaiser Wilhelm II. Nicht freiwillig in den Krieg ging dagegen Erich Maria Remarque. Von glühender Kriegsbegeisterung konnte auch bei Erich Kästner nicht die Rede sein.

Die Eindrücke von den Schlachtfeldern und aus den Lazaretten führten bald dazu, dass aus Rudolf Leonhard, Walter Hasenclever, Joachim Ringelnatz, Erich Maria Remarque und Erich Kästner entschiedene Kriegsgegner wurden. Nur Robert Musil, der von Beginn an von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt, ging diesen Weg nicht mit.

Richard Dehmel hatte sich nicht nur freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, sondern rief die Deutschen selbst noch kurz vor dem Kriegsende zum Durchhalten auf. Ähnlich begeistert vom Krieg wie Gerhart Hauptmann war auch Thomas Mann, der das unsägliche Grauen des Krieges als »Befreiung aus der Dekadenz« und »Entscheidungskampf« zwischen der deutschen und der ihr wesensfremden französischen Nation feierte. Erst in den zwanziger Jahren sagte sich Thomas Mann von dieser Kriegseuphorie los.

Zeitlebens nichts dazu gelernt hat dagegen Ernst Jünger, der mit der gleichen Begeisterung, mit der er für das wilhelminische Deutschland in den ersten Weltkrieg gezogen ist, später auch für die Nazis in den zweiten Weltkrieg zog.

So interessant die autobiographischen Texte und literarischen Selbstzeugnisse allerdings auch sein mögen, oft lassen sie einen als Leser doch ratlos zurück. Was möchten Matthias Steinbach und der Reclam-Verlag uns sagen? Auf einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung des Vereins Helle Panke benannte Matthias Steinbach als Zielgruppe der Anthologie den »aufgeklärten Leser«. Bewusst sei er bei der Auswahl und Zusammenstellung der Texte nicht analytisch herangegangen. Herausgekommen ist so eine insgesamt doch sehr willkürliche Textzusammenstellung, die es alleine schon dadurch dem Leser schwer macht, Zusammenhänge zu erkennen.

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