Aus Angst vor der Zukunft: Zurück zu rückwärtsgewandten Gemeinschaftsbildern und religiösen Bekenntnissen

Die Angst vor dem sozialen Abstieg prägt zunehmend das Lebensgefühl nicht nur von großen Teilen der Arbeiterklasse, sondern ebenso der Mittelschicht. Je größer deren Verunsicherung werde, konstatiert die Soziologin Cornelia Koppetsch in ihrem Essay »Die Wiederkehr der Konformität«, desto stärker entwickele sich in ihr eine »Sehnsucht nach Geborgenheit«,. Verbunden sieht Koppetsch diese Entwicklung mit der Herausbildung eines Mentalitätstypus, den sie als »Wiederkehr der Konformität« beschreibt.

Das homogene Großmilieu der Mittelschicht, das bis in die 1990er Jahre hinein als »moralischer Maßstab und gesellschaftlicher Ordnungsgeber« existiert habe, sei verloren gegangen. Eine entscheidende Ursache sieht Koppetsch in der Globalisierung der Produktion und der Märkte sowie im Beharren auf Deutschland als Exportweltmeister. Für die exportorientierten Unternehmen spiele die Kaufkraft der Bundesbürger nur eine untergeordnete Rolle, viel wichtiger seien niedrige Löhne bei gleichzeitig hoher Arbeitsproduktivität, um den Weltmarkt mit preisgünstigen Waren versorgen zu können. International operierende Großunternehmen könnten zudem jederzeit einzelne Unternehmensbereiche und ganze Produktionen dorthin verlagern, wo sie besonders gute Bedingungen vorfinden.

Einerseits profitiere von den sinkenden Löhnen und dem Sozialabbau zwar auch der Mittelstand, soweit es sich um kleine Unternehmer und Handwerker handele, andererseits bedrohten Lohn- und Sozialabbau aber auch den sozialen und gesellschaftlichen Status der lohnabhängigen und freiberuflichen Angehörigen der Mittelschicht. Je stärker die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung von den Konzernen bestimmt werde, desto mehr gehe die Bedeutung der Mittelschicht zurück.

Tatsächlich sei die Gefahr des realen sozialen Abstiegs für die Mittelschicht allerdings nach wie vor gering, konstatiert Koppetsch. Aber der Status quo müsse sehr viel aktiver als früher verteidigt werden. Alleine schon die Möglichkeit des Abstiegs führe deshalb zu einer großen Verunsicherung. Zugleich würden die Aufstiegshoffnungen dahinschwinden und das nicht Vorhersehbare und Kontrollierbare immer stärker das Leben bestimmen.

Um den tatsächlich oder vermeintlich bedrohten gesellschaftlichen Status zu verteidigen, werde sich zunehmend abgegrenzt. Während die sozial schwächeren Teile des Mittelstands ihren Status durch Ressentiments gegen sozial Schwächere und Migranten abzugrenzen suchten, grenzten sich die materiell bessergestellten Teile des Mittelstands durch den Rückzug in exklusive Stadtviertel ab.

Auf der Ebene der Wertvorstellungen führe die um sich greifende Angst vor einem gesellschaftlichen Abstieg zu einer »Abkehr von politischen Gesellschaftsentwürfen zugunsten von rückwärtsgewandten Gemeinschaftsbildern und religiösen Bekenntnissen«. Zu beobachten sei ein »Rückzug aus dem öffentlichen Leben in den Nahbereich von Partnerschaft und Familie«. Allgemein gelte, dass »[k]onservative Werte dominieren, die auf die Erhaltung des Bestehenden oder des verloren Geglaubten gerichtet sind«.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Koppetsch der jungen Generation. Angesichts unsicherer gewordener Lebensperspektiven seien die Lebensträume überschaubar geworden. »Sie streben nicht nach Utopien, sondern konzentrieren sich auf das Realisierbare. Sie haben keinen Entwurf von der Welt, wie sie sein sollte, sondern nehmen diese so hin, wie sie ist. Es ist eine Generation, die sich nach Sicherheit sehnt und dafür einiges in Kauf nimmt.« Widerständiges, Risikobehaftetes, Unberechenbares werde ängstlich gemieden.

Was Koppetsch beschreibt, liest sich nicht nur deprimierend, sondern ist auch deprimierend. Die Frage, ob diese Entwicklung tatsächlich so verlaufen muss, es zu ihr also keine Alternative gibt, stellt sie allerdings nicht.

Koppetschs Dilemma ist, dass sie zwar die aktuellen Entwicklungslinien beschreibt, aber deren gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhänge nur unvollständig durchdringt. Wenn sie die bundesrepublikanische Wirklichkeit als Klassengesellschaft bestimmt, scheint es im ersten Moment zwar, als habe sie deren Charakter richtig erkannt, doch dann kommen Formulierungen wie jene über eine »Rückkehr der Klassengesellschaft«, die Fragen nach ihrem Verständnis von Klassen und Klassengesellschaft aufwerfen.

Die Fleißigeren und Ideenreicheren steigen auf – oder auch nicht

Tatsächlich bleiben Begriffe wie Klasse, Klassengesellschaft und Klassenkampf bei Koppetsch erstaunlich schwammig. Unverkennbar meint sie nicht den Marxschen Klassenbegriff, den Marx allerdings selbst nicht mehr auszuformulieren vermochte. Verteilt auf zahlreiche Schriften finden sich jedoch zahlreiche Bausteine, aus der Lenin 1919 in »Die große Initiative« seine eingängige Definition zusammenfügte:

»Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen.«

Eher als Marx ist es schon Pierre Bourdieu, an den sie anknüpft. Im Gegensatz zu Marx, für den die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel zentral für die Konstitution von Klassen ist, gibt sich Bourdieu mit dem Thema Produktionsverhältnisse kaum ab. So gibt es für ihn neben dem wirtschaftlichen Kapital auch ein kulturelles und soziales Kapital. Unter sozialem Kapital versteht er beispielsweise „die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.“

Kapital wird nach Bourdieu dementsprechend nicht (nur) durch die Ausbeutung fremder Arbeitskraft angehäuft, sondern (auch) durch persönlichen Einsatz, zum Beispiel durch die Pflege persönlicher und sozialer Kontakte. So entscheidet letztlich kein Gegensatz, sondern der Wettstreit zwischen den Klassen über die gesellschaftliche Entwicklung. Dieser Wettstreit lässt dann auch keinen Platz mehr für das Konzept einer »herrschende Klasse«, das Bourdieu ausdrücklich ablehnt.

Natürlich sind hier sowohl Marx’ als auch Bourdieus Klassentheorie extrem verkürzt dargestellt.

Dass Bourdieus Kapital- und Klassenverständnis nicht unproblematisch ist, scheint allerdings auch Koppetsch zu sehen. Es ist gerade diese Hoffnung, durch eigene Anstrengungen den Abstieg dauerhaft verhindern bzw. den Aufstieg dauerhaft sichern zu können, die Koppetsch als Illusion entlarvt. Gerade diese Illusionen, weist sie nach, unterminieren das Zusammengehörigkeitsgefühl und die gesellschaftliche Ausstrahlungskraft der Mittelschicht, die jahrzehntelang in der BRD für stabile politische Verhältnisse gesorgt hat.

Die fatale Folge des Rückgriffs Koppetschs auf Bourdieus Kapital- und Klassenverständnis ist, dass der Begriff der Mitte diffus bleiben muss und keine präzise Bestimmung erfahren kann. Koppetsch bleibt nur, beispielhaft aufzuführen, wen sie zur Mitte respektive Mittelschicht zählt, ohne ihre Zuordnung immer fundiert mit mehr als Statistiken begründen zu können. Damit unterscheidet sie sich allerdings nicht von anderen, die den Begriff Mitte inflationär gebrauchen, ohne ihn wirklich eindeutig zu definieren und nicht einfach auf eine Einkommensgruppe zu reduzieren. Ihre Stärke ist allerdings, die Ursachen für »Die Wiederkehr der Konformität« prägnant herauszuarbeiten.

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