Ponsonby und Morelli über planmäßiges Lügen für den Krieg

Besonders ein Satz hat den englischen Kriegsgegner und liberalen Unterhausabgeordneten Arthur Ponsonby weltberühmt gemacht: »Wenn Krieg erklärt ist, fällt die Wahrheit als erstes Opfer.« Nachzulesen ist er in seinem 1930 in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Lügen in Kriegszeiten« erschienenen Buch, in dem er aufzeigte, wie 1914 bis 1918 »planmäßig gelogen worden« ist, um den Krieg zu rechtfertigen und Soldaten wie Zivilbevölkerung zu größtmöglichen Kriegsanstrengungen anzutreiben.

Tatsächlich stammt dieser Satz allerdings gar nicht aus seiner Feder, sondern wird Aischylos zugeschrieben und ist 1914 vom amerikanischen Senator Hiram Johnson aufgegriffen worden. Am Ruhm von Ponsonby hat das jedoch nichts geändert, zumal er sich selbst nie als dessen Urheber ausgegeben hat.

Auch wenn gerade dieser Satz ihn und »Lügen in Kriegszeiten« berühmt machte, sehr viel mehr Brisanz kamen und kommen viel weiter reichenden Erkenntnissen zu. Anhand zahlreicher Beispiele stellt Ponsonby dar, wie in allen am Krieg beteiligten Ländern ganz planmäßig gelogen wird. »Die Lüge«, resümiert er, »ist eine anerkannte und außerordentlich nützliche Kriegswaffe, und jedes Land gebraucht sie mit voller Überlegung, um das eigene Volk zu täuschen, Neutrale für sich zu gewinnen und den Feind irrezuführen.«

Die Propaganda laufe dabei immer nach dem gleichen Muster ab: Wir wollen den Krieg nicht, den Krieg wollen die anderen. Müssen wir Krieg führen, kämpfen wir nur mit erlaubten Waffen, unerlaubte Waffen setzen die anderen ein. Wir kämpfen für eine gute Sache, die anderen für eine schlechte. Wir begehen Grausamkeiten nur aus Versehen, die anderen mit Absicht. Unsere Verluste sind gering, die Verluste der anderen riesig.
Für dieses Bild vom guten Wir und bösen Anderen werde ausnahmslos in allen am Krieg beteiligten Ländern gelogen. Natürlich gelte auch hierbei: In unseren Medien wird objektiv und sachlich berichtet, in den Medien der anderen dagegen gelogen und gehetzt.

Während sich Zielgruppenüberlegungen in der Werbung erst nach dem zweiten Weltkrieg durchzusetzen begannen, spielten sie in der Kriegspropaganda schon im ersten Weltkrieg eine Rolle. »Für intellektuelle Leute braucht man intellektuelle Lügen und grobe Lügen für das gemeine Volk«, fasst Ponsonby in »Lügen in Kriegszeiten« die Notwendigkeit einer differenzierten Ansprache zusammen. Allerdings dürfe das nicht zu der Annahme verführen, dass – um es mit heutigen Worten zu formulieren – bildungsnähere Schichten weniger für Lügen empfänglich seien. Grundsätzlich seien »die Insassen von höheren Bildungsanstalten ebenso leichtgläubig wie die Bewohner von Spelunken«.

Mit dem Buch sollte übrigens ausdrücklich »nicht gegen den Gebrauch von Lügen in Kriegszeiten Einspruch erhoben werden«, vielmehr wollte Ponsonby aufzeigen, »wie Lügen in Kriegszeiten gebraucht werden müssen. Würde von Anfang an die Wahrheit gesagt, so gäbe es weder einen Kriegsgrund noch einen Kriegswillen.«

Obwohl seit der Veröffentlichung von Posonbys »Lügen in Kriegszeiten« fast 90 Jahre vergangen sind, sind seine Erkenntnisse erschreckend aktuell. So hat die belgische Historikerin Anne Morelli in ihrer 2004 veröffentlichten Untersuchung »Die Prinzipien der Kriegspropaganda« anhand von Beispielen aus dem ersten und zweiten Weltkrieg sowie den Kriegen auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak gezeigt, wie nach immer dem gleichen Muster Kriegspropaganda betrieben wird. Ihr Resümee: »Wir schenken heute Lügenmärchen genauso Glauben wie die Generationen vor uns.«

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