Christiane Binder-Gaspers Gedichte beeindrucken durch Sinnlichkeit und politische Klarheit

Durch Zufall fiel mir dieser Tage nach Jahren wieder einmal Christiane Binder-Gaspers Lyrikband »Rot und Tauben« in die Hand. Es sind Gedichte voller Liebe und zugleich doch höchst politische Gedichte, die nichts von ihrer Ausstrahlungskraft verloren haben. Nur an manchen Sujets ist zu merken, dass sie vor über einem Vierteljahrhundert geschrieben wurden.

Ihre Themen sind der Krieg in Vietnam und Biafra, der Terror im faschistischen Chile und die Militärdiktatur in Griechenland, das selbstzufriedene Leben vieler Deutscher, die Gastfreundschaft der griechischen Bauern und Fischer – bei denen sie vier Jahre gelebt hatte – und immer wieder die Leidenschaft und die Liebe.

Liebe ist bei Binder-Gasper nie scheu oder platonisch, sondern immer sinnlich und oft wild und ungezügelt. So auch im Gedicht »in gedanken an gerhard h. oder meine süßeste beichte«:

hüftschwere weichheit deines schrittes
widerspenstiger bart flüchtig über sinnliche lippen geworfen
im mundwinkel die träge feuchtigkeit
das süße speicheltier
vorhautküsse
trinken wir ex

Mit ihrer Sehnsucht nach Griechenland unterschied sich Binder-Gasper nicht von vielen ihrer Zeitgenossen, die der schweigenden Mehrheit in Deutschland über waren, die sich von Schreckensbildern aus aller Welt beflimmern ließ und mit »hohlen Tränen« reinzuwaschen suchte. Heute wissen wir, dass der Versuch, »den ahnen zu entkommen«, von vorneherein zum Scheitern verurteilt war, nur scheitern konnte, weil niemand seiner Vergangenheit entkommen kann.

Zu den eindrucksvollsten Gedichten, in dem Binder-Gasper dieses Schweigen anprangert, gehört für mich »ach ja, da gibt es diese fernsehsendung – holocaust – oh ja!«

goldgeschmeidige abendvorstellung
die dame mit dem platincollier
sammelt auch ringe
nur zahngold – so plump – da wird sie sich weigern
schamvoll die nacht begrüßen
neben dem nachtkühlen blonden gemahl

Dass Binder-Gasper ihrem ersten Lyrikband nie einen zweiten folgen ließ, ist sehr schade. 1986 Teilnehmerin am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, zog sie sich bereits früh wieder aus dem öffentlichen Literaturbetrieb zurück.

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