Ein guter Korrektor findet alle Fehler – oder auch nicht!

»Einem Korrektor, der nicht alle Fehler findet, dem würde ich nie einen Auftrag erteilen«, »Was, Sie wollen ein Korrektor sein, aber können mir keine Fehlerfreiheit garantieren?«, »Für jeden Fehler, den Sie übersehen haben, kürze ich Ihnen das Honorar.« So und ähnlich reagieren viele Autorinnen und Autoren, wenn ich Ihnen keine Fehlerfreiheit versprechen will.

Ganz unverständlich ist diese Reaktion allerdings nicht. Wird nicht gerade deshalb ein Korrektor oder eine Korrektorin beauftragt, um ein fehlerfreies Manuskript in Druck geben zu können? Zudem kostet ein Korrektorat Geld. Warum aber Geld ausgeben, wenn sich hinterher doch noch Fehler im Manuskript finden können?

Schnell steht dann der Verwurf im Raum, der Korrektor oder die Korrektorin seien keine Profis. Tatsächlich verhält es sich jedoch genau umgekehrt: Profis versprechen keine Fehlerfreiheit, weil sie wissen, dass Fehlerfreiheit nicht garantiert werden kann. Im Verhaltenskodex des Verbandes der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) heißt es deshalb:

Freie Lektorinnen und Lektoren im VFLL halten die Regeln für einen lauteren Wettbewerb ein. Sie machen weder in ihrer Werbung noch ihren Auftraggebern gegenüber unrichtige oder irreführende Angaben und unterlassen Werbeaussagen, die eine hundertprozentige Fehlerfreiheit in Texten versprechen.

Das heißt natürlich nicht, dass unbegrenzt viele Fehler übersehen werden dürfen. Unter guten Korrektorinnen und Korrektoren gilt ein Fehler auf 6000 Anschläge als noch akzeptabel, wenn es sich um Texte mit einer durchschnittlichen Fehlerdichte handelt. Je mehr Fehler ein Text aufweist, desto mehr Fehler werden allerdings erfahrungsgemäß übersehen. Auch gute Korrektorinnen und Korrektoren kommen »nur« auf eine Erfolgsquote von 95 Prozent. Würden von 1000 Fehlern 950 Fehler gefunden, wäre das also immer noch ein gutes Ergebnis.

Muss wirklich eine weitgehende Fehlerfreiheit erreicht werden, führt deshalb kein Weg an mehreren Korrekturdurchgängen vorbei. Das hat allerdings seinen Preis – und garantiert trotzdem nicht, dass sich wirklich keine Fehler mehr in dem Text finden. Irgendein Fehler dürfte sich trotz allem immer noch irgendwo versteckt haben.

Auch wenn in einem 1000-seitigen Buch nur ein einziger Fehler überlebt hat, kann aber nicht mehr von Fehlerfreiheit gesprochen werden. Völlig zu Recht dürfen deshalb die Lektorinnen und Lektoren aus dem VFLL nicht mit dem Versprechen einer hundertprozentigen Fehlerfreiheit werben, auch wenn manche Autorinnen und Autoren genau dieses Versprechen fordern.

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