Ohne Visionen war für den Schriftsteller Erik Neutsch eine neue Gesellschaft nicht vorstellbar

»Er überlegt nicht lange, zögert nicht mit einer sicheren Antwort: ›Kämpfe … Schwierigkeiten … Immer wieder Prüfungen. Niederlagen und Siege. Wir werden es nicht leicht haben, Hesselbart und ich. Das Alte ist zäh. Wir aber wollen das Neue […]‹«, versucht der Zimmermann und Brigadier Hannes Balla am Ende des Romans die junge Ingenieurin Katrin Klee zu trösten.

Erik Neutsch lässt in seinem Roman »Spur der Steine« keine Zweifel an seiner Überzeugung aufkommen, dass »das Neue«, der Kommunismus, siegen wird. Den Weg dahin allerdings zeichnet er als steinig und voller Gefahren. So schließt sein Roman auch nicht mit einem Triumph seiner Romanhelden Hannes Balla, Werner Horrath und Katrin Klee: Hannes Balla verlässt die Großbaustelle Schkona, um anderen Betrieben seine Erfahrungen mit neuen Baumethoden zu vermitteln, Katrin Klee hat resigniert und gekündigt, Werner Horrath ist als SED-Parteisekretär abgesetzt und schließlich sogar vom Werkschutz von der Baustelle geworfen worden.

Gesiegt hat Bleibtreu, der von der SED anstelle von Werner Horrath als Parteisekretär eingesetzt wird, ein Parteifunktionär, »der niemandem, nicht einmal sich selbst, eine menschliche Regung zubilligte« und trotzdem »von der Partei gehätschelt« wird.

Immerhin: Hannes Balla ist in den Auseinandersetzungen auf der Baustelle gewachsen. Aus dem vor allem auf den eigenen und den Vorteil seiner Brigade bedachten Zimmermann ist ein Arbeiter geworden, der sich Gedanken um das große Ganze macht und deshalb eingeladen wird, seine Erfahrungen an die Menschen in anderen Betrieben weiterzugeben.

Werner Horrath dagegen ist tief hinabgestoßen worden. Obwohl verheiratet, ist er ein Liebesverhältnis mit Katrin Klee eingegangen. Als er sich endlich dazu bekennt, ist es zu spät. Er hat nicht nur die Liebe Katrins verloren, sondern verliert jetzt auch noch seine Frau und wird aus Schkona davongejagt. Seine Hoffnung, dass die Genossen der SED-Betriebsgruppe nicht mehr alles widerspruchslos schlucken werden, was von oben kommt, sondern sich ihre eigenen Gedanken machen, haben sich nicht erfüllt.

Auch Katrin Klee verlässt Schkona. Sie hat gekündigt. Der Verrat Horraths und das von seinem Nachfolger Bleibtreu inszenierte Spießrutenlaufen haben sie gebrochen. Auch wenn nicht alle auf der Baustelle das Verhalten Bleibtreus billigen, offen Partei für Katrin Klee zu ergreifen, wagen nur wenige.

Dass Erik Neutsch mit seinem Roman »Spur der Steine« Gedanken und Probleme aufgegriffen hatte, die in den sechziger Jahren viele Menschen in der DDR bewegten, schlug sich in zahlreichen Neuauflagen des Buches wieder. Mit 35 Auflagen und über einer halben Million verkaufter Exemplare wurde »Spur der Steine« zu einem der erfolgreichsten Bücher in der DDR-Literatur.

Tatsächlich führte sein Werk mitten hinein in die Diskussionen um die Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in der DDR, über Moral, Ökonomie, Kultur und Politik. Zu den Widersprüchen in der DDR-Kulturpolitik gehörte, dass der Roman ungehindert erscheinen konnte und Erik Neutsch für ihn 1964 sogar den Nationalpreis erhielt, der auf dem Roman fußende gleichnamige Film von Frank Beyer dagegen im Juni 1966 nach nur wenigen Vorstellungen nicht mehr aufgeführt werden durfte.

Als in den 1970er Jahren in der DDR zunehmend vom realen oder real existierenden Sozialismus gesprochen wurde, stand Erik Neutsch dieser Wende sehr kritisch gegenüber. Statt des realen wollte er wieder den idealen Sozialismus, für den er nicht nur in seinem großartigen Roman »Spur der Steine« gestritten hat, auf die Fahnen geschrieben wissen. Zu sehr wurden die Visionen, für die er 1949 in die SED eingetreten war, dem grauen Alltag geopfert. Dass diese Kapitulation, wie er die Abkehr von den Visionen und dem Ringen um eine humanere Gesellschaft verstand, schließlich in den Untergang der DDR münden würde, ahnte er nicht.

Am 20. August 2013 ist Erik Neutsch 82-jährig in Halle an der Saale gestorben.

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