Wer glaubt schon einem Lieschen Müller oder Hans Meier?

Ein mehr oder weniger schlauer Spruch unter einer Mail oder einem Forumsbeitrag muss sein. Doch welcher Leser schenkt ihm schon große Beachtung, wenn als Urheber Lieschen Müller oder Hans Meier genannt wird? Und noch schlimmer: Einem muss sogar noch selber ein entsprechender kluger Spruch einfallen.

Was liegt also näher, als sich mit fremden Federn zu schmücken?

Besonders beliebt ist Johann Wolfgang von Goethe. »Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen«, lautet einer seiner gern zitierten Sprüche. Oder auch: »Mit dem Wissen wächst der Zweifel« und »Was immer du tun kannst oder träumst, es zu können, beginne es jetzt«. Gerne verwendet werden ebenfalls: »Kühnheit besitzt Genie, Macht und magische Kraft. Beginne es jetzt« und »Wirf dein Herz über das Hindernis und spring ihm nach«.

Fragt man allerdings nach, wo sich diese Zitate bei Goethe finden sollen, wird regelmäßig nur auf irgendwelche Zitatenseiten im Internet verwiesen, die – man ahnt es wohl schon – natürlich ebenfalls keinerlei Quellen nennen.

Das fiele allerdings auch sehr schwer. Die meisten der Goethe zugeschriebenen Sprüche lassen sich selbst in der 1887 bis 1919 veröffentlichten sogenannten Sophien-Ausgabe und in der 1889 bis 1896 erschienenen und 1990 ergänzten sogenannten Weimarer Ausgabe nicht finden, die als die umfassendsten Ausgaben der Werke und Briefe von Johann Wolfgang von Goethe gelten.

»Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt, frei zu sein«, »Erfolg hat drei Buchstaben … TUN«, »Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen« und die bereits zitierten Sprüche hören sich zwar gut an, lassen sich aber – vorsichtig formuliert – in Goethes Werken und Briefen nicht nachweisen.

Immerhin können sich Alle, die ihre Forenbeiträge und Mails mit vorgeblichen Goethe-Sprüchen schmücken, in einer Traditionslinie mit Bertolt Brecht sehen, der seine Schulaufsätze gerne mit Goethe-Zitaten anreicherte. Wenn schon Goethe sagte, dass … dann, so Brechts richtige Überlegung, würde kein Lehrer seine Überlegungen anzweifeln. Lieschen Müller und Hans Meier können dagegen viel behaupten.

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