Romane brauchen einen Prolog und Epilog – oder nicht?

Ein Roman braucht einen Prolog und Epilog – meinen zumindest viele Selfpublishing-Autorinnen und -Autoren. Tatsächlich finden sich aus ihren Reihen nur wenige Romane, die nicht mit einem Prolog beginnen. Sehr viel weniger beliebt ist bei ihnen dagegen der Epilog.

Aber brauchen Romane wirklich einen Prolog und eventuell auch einen Epilog? Was denken bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller darüber und wie handhaben sie es?

Um einer Antwort näherzukommen, greife ich wahllos in den Bücherschrank und schaue mir zwei Dutzend Romane genauer an.

Eine nicht ganz wissenschaftliche Untersuchung

»Deutschstunde« von Siegfried Lenz: weder Prolog noch Epilog. »Der Meister und Margarita« von Michail Bulgakow: ebenfalls kein Prolog und kein Epilog. »Wilhelm Meisters Lehrjahre« von Johann Wolfgang von Goethe: gleichfalls Fehlanzeige. »Die Eroberung von Plassans« von Emile Zola, »Traum ist teuer« von Arnold Zweig, »Der Hohlweg« von Günter de Bruyn, »Neben der Zärtlichkeit« von Leonie Ossowski: alle ohne Prolog und Epilog. Langsam macht es keinen Spaß mehr.

Doch dann werde ich fündig: Leo N. Tolstois »Krieg und Frieden« überrascht mich mit einem Epilog. Der erste Abweichler.

Danach ist dann aber erst einmal wieder Fehlanzeige: »Die Söhne der Wölfe« von Fritz Selbmann, »Horns Ende« von Christoph Hein, »Das Vertrauen« von Anna Seghers, »Die Kinder des Sisyfos« von Erasmus Schöfer: Alle verzichten auf einen Prolog und Epilog.

Mit »Borgia« von Klabund und »Petersburg« von Andrej Belyj folgen gleich zwei Bücher mit Prolog und Epilog.

»Hundejahre« von Günter Grass, »Das unpopuläre Volk« von Alain Prévost, »Felix Guttmann« von Peter Härtling und »Die funkelnde Welt« von Alexander Grin sind wieder Romane, die ohne Prolog und Epilog auskommen.

Dann wieder eine Abwechslung: »Lucinde« von Friedrich Schlegel startet mit einem Prolog.

»Johannisnacht« von Uwe Timm, »Im Vorhof der Hölle« von Alexandru Ivasiuc, »Der Zimmerspringbrunnen« von Jens Sparschuh« und »Der ehrliche Lügner« von Rafik Schami verzichten dagegen wieder auf beides.

Erneut fündig werde ich in »Quo vadis« von Henryk Sienkiewicz, der seinen Roman mit einem Epilog versehen hat.

Nach zwei Dutzend beliebig ausgewählten Büchern soll es genug sein. Einen wissenschaftlichen Anspruch erhebe ich mit dieser »Untersuchung« ohnehin nicht. Aber deutlich wurde trotzdem bereits: Die große Mehrheit der Romane kommt ohne Prolog und ohne Epilog aus. Diesen neunzehn Büchern ohne Prolog und Epilog stehen fünf Bücher gegenüber, die entweder über einen Prolog oder einen Epilog oder auch über beides verfügen.

Dieses Zahlenverhältnis ändert sich erst, als ich jetzt bewusst zu Romanen von Selfpublishing-Autorinnen und -Autoren greife. Sieben Bücher kommen mit einem Prolog und Epilog daher, fünf mit einem Prolog, ein Buch mit einem Epilog. Diesen dreizehn Romanen stehen nur acht gegenüber, die auf beides verzichten.

Wirklich überraschend kommt dieses Ergebnis nicht. Man braucht nur in einigen Foren und Gruppen von Selfpublishing-Autorinnen und -Autoren mitzulesen, um zu wissen, wie beliebt in diesen Kreisen Prologe und Epiloge sind. »Ich mag Prologe und schreibe sie gerne«, schwärmt beispielsweise eine Autorin, und ein Autor verteidigt seinen Prolog, er brauche ihn, um »das Thema des Buches zu beschreiben«. Eine andere Autorin befürchtet, »man würde meine Geschichte ohne den Prolog gar nicht verstehen«, und für eine weitere Autorin schafft der Prolog »erst das Umfeld, in dem sich die Geschichte entwickelt«. »Den Protagonisten einzuführen«, nennt ein weiterer Autor als Argument.

Was diese Autorinnen und Autoren als Vorteil begreifen, verstehen andere gerade als Nachteil.

Fontane: Jeder ist froh, wenn der Prolog vorbei ist

Theodor Fontane beispielsweise ließ seine Protagonistin Manon in »Die Poggenpuhls« mit Blick auf eine Theateraufführung, für die ihre Schwester Sophie einen Prolog gedichtet hat, lästern: »Prolog ist immer zu langweilig. Jeder ist immer froh, wenn es damit vorbei ist.« Und Bertha von Suttner veranlasste ihre Protagonistin Sylvia in »Marthas Kinder« über ihr Leben zu sinnieren: »Überhaupt, was sie jetzt durchlebte, war nur Präludium, Prolog … das eigentliche Stück sollte erst folgen.«

Ein wahrhaft vernichtendes Urteil wusste dagegen schon 1905 Meyers Großes Konversations-Lexikon über den Epilog zu fällen: »Oft ist er nur eine Art Notbehelf, insofern er etwas aussprechen soll, was eigentlich das Stück schon durch sich selbst aussprechen müßte.« Und William Shakespeare ließ in seiner Komödie »Liebes Leid und Lust« Don Adriano de Armado spotten: »Nein, Page, ’s ist ein Epilog, ein Diskurs, der uns erklärt | Irgendein dunkles Präambulum, das wir zuvor gehört.«

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