Ursula Krechels »Landgericht« taumelt zwischen Roman und Geschichtsbuch

Als »Archivarin des Verdrängten« bezeichnete der Literaturkritiker Ulrich Rüdenauer in der Zeit die Schriftstellerin Ursula Krechel, als sie 2012 für ihren Roman »Landgericht« mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Was er allerdings als großes Lob verstand, benennt für mich das großes Manko dieses Romans: Er ist zu sehr historische Dokumentation, zu wenig Literatur.

Dabei beginnt »Landgericht« sehr vielversprechend: »Er war angekommen. Angekommen, aber wo.« Was ließe sich aus diesen beiden Sätzen alles entwickeln? Nun gebe ich zwar gerne zu, dass mich philosophische Fragestellungen schon sehr lange faszinieren, aber auch aus erzählerischer Sicht lassen diese knappen Worte viel erwarten.

Tatsächlich vermochten die ersten hundert, hundertzwanzig Seiten mich in ihren Bann zu ziehen. Dafür sorgte alleine schon die in Rückblenden erzählte Lebensgeschichte des Richters Richard Kornitzer, der 1933 als Jude von den Nazis aus dem Amt gejagt wird, und seiner Ehefrau Claire, der die Nazis ihr Filmunternehmen rauben, weil sie sich als Arierin nicht von ihrem jüdischen Mann scheiden lassen will. Während ihre beiden Kinder nach England verschickt werden und Claire in Deutschland bleibt, geht Richard nach Kuba ins Exil. Als Richard nach Deutschland zurückkehrt, muss er sehr schnell feststellen, dass er und seinesgleichen alles andere als willkommen sind. Nicht die Opfer, sondern die Täter haben in den Amtsstuben das Sagen.

So brisant die jahrzehntelang in der offiziellen bundesdeutschen Geschichtsschreibung geleugnete personelle und zum Teil sogar ideologische Kontinuität auch ist, hinter der unbestrittenen dokumentarischen Fleißarbeit Ursula Krechels beginnt das Schicksal der Familie Kornitzer immer mehr zurückzutreten. So bewegt sich »Landgericht« zunehmend zwischen Roman und Geschichtsbuch, ohne sich entscheiden zu können.

Spätestens ab der Mitte des Buches musste ich mich zwingen, weiterzulesen und bis zum Ende durchzuhalten. Dabei ertappte ich mich immer häufiger, ganze Seiten nur zu überfliegen.

Wer sich bislang nicht oder nur sehr wenig mit der Geschichte der jungen BRD beschäftigt hat, findet in Ursula Krechels Roman »Landgericht« sicherlich viele Anregungen, sich ausführlicher mit den Anfängen der BRD zu beschäftigen. Irgendwelche Bezüge zur ganz anders gearteten Nachkriegsentwicklung im Osten Deutschlands sollte er allerdings nicht erwarten, genauso wenig wie einen Roman mit großartigen Spannungsbögen und überzeugend gezeichneten Charakteren.

Für mich hat »Landgericht« von Ursula Krechel jedenfalls zu viele Schwächen, um mich begeistern zu können. Daran kann auch der Deutsche Buchpreis nichts ändern.

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