»Die Flickschneiderin«: Roman über eine verbotene Liebe an der deutsch-belgischen Grenze

Auch Maryanne Beckers dritter Roman spielt im belgisch-deutschen Grenzgebiet, oder genauer gesagt in Herbesthal, das seit 1816 zu Deutschland gehörte und nur durch die Hauptstraße vom bereits in Belgien liegenden Welkenraedt getrennt war. Und auch in »Die Flickschneiderin« stehen wieder Frauen im Mittelpunkt: die Mutter Fini, die nach dem Tod ihres Mannes alleine für sich und ihre fünf Töchter sorgen muss, ihre älteste Tochter Martha, die – nicht ganz freiwillig – bereits als junges Mädchen in ein Kloster eintritt, ihre zweitälteste Tochter Martha, die von einer schweren Erkrankung einen dauernden psychische Schaden zurückbehält, sowie ihre 1914 geborene jüngste Tochter Anna, um die es in dem Roman vor allem geht.

Anna ist ein tatkräftiges Mädchen, das gegen den heftigen Widerstand ihrer Mutter durchsetzt, bei einer jüdischen Familie in einem Eifeldorf in die Schneiderlehre gehen zu dürfen. Dort lernt sie Leo kennen, Sohn einer reichen jüdischen Fabrikantenfamilie aus Berlin. Sie verlieben sich ineinander und Anna wird schwanger. Doch wir schreiben 1934, in Deutschland haben die Nazis die Macht übernommen. Beziehungen zwischen Ariern und Juden sind streng verboten. Aber auch Leos Eltern wollen von dieser Liebe nichts wissen. Längst haben sie im Geheimen Leos und ihre eigene Flucht aus Deutschland vorbereitet.

Als die Nazis den Juden die Ausbildung von Nichtjuden verbieten, kehrt Anna zu ihrer Mutter zurück. Fini ist noch verbitterter als früher, auch wenn Anna tatkräftig hilft und Martha wieder aufzuleben beginnt. Anna lebt im Ungewissen: Warum meldet sich Leo nicht mehr? Um sich und ihre Tochter Lea nicht zu gefährden, widerspricht Anna nicht, als Gerüchte über den bei einem Motorradunfall tödlich verunglückten Hermann als Vater ihres Kindes die Runde machen.

Wie schon in »Grenzlandfrau« und »Fräulein Engel« bediente sich Maryanne Becker auch für »Die Flickschneiderin« wieder eines sachlichen, aber nicht emotionslosen Erzählstils, der die Leser mitbangen und mitzittern lässt. Erfreulich ist ebenfalls, dass sie ein weiteres Mal auf ein billiges Happy-End verzichtet. »Ein gutes Ende kann auch anders aussehen«, sagte Maryanne Becker in einem Interview, »Ich meine sogar, ein gutes Ende muss anders aussehen.«

»Die Flickschneiderin« ist ein weiterer Roman von Maryanne Becker, den ich nur empfehlen kann. Sehr eindringlich macht er mit weiteren Facetten eines wenig bekannten Kapitels deutscher Geschichte bekannt.

Maryanne Beckers »Die Grenzlandfrau« bei Amazon

Dieser Beitrag wurde unter Autoren, Bücher veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.