Gedanken zum 200. Geburtstag von Iwan Alexandrowitsch Gontscharow

Kein anderer Roman konnte mich als Jugendlichen so begeistern wie Iwan Alexandrowitsch Gontscharows »Oblomow«. Bereits die ersten Sätze zogen mich in ihren Bann:

In der Gorochowajastraße, in einem der großen Häuser, dessen Bevölkerung für eine ganze Kreisstadt ausgereicht hätte, lag des Morgens Ilja Iljitsch Oblomow in seiner Wohnung auf dem Sofa. Er war ein etwa zweiunddreißigjähriger Mann von mittlerem Wuchs und angenehmem Äußern, mit dunkelgrauen Augen, die über Wand und Zimmerdecke sorglos streiften und jenes unbestimmte Sinnen ausdrückten, welches darauf hinwies, daß ihn nichts beschäftigte und nichts beunruhigte. Die Sorglosigkeit ging vom Gesicht auf die Stellung des ganzen Körpers und selbst auf die Schlafrockfalten über. Manchmal trübte sich sein Blick durch einen Anflug von Müdigkeit oder Langeweile.

Oblomow verlässt sein Bett und noch viel mehr seine Wohnung nur höchst ungern. Was in der Stadt passiert, interessiert ihn nicht, seinen Dienst als Staatsbeamter hat er quittiert. Stattdessen gibt er sich seinen Tagträumen hin.

Das Liegen war für Ilja Iljitsch weder eine Notwendigkeit, wie für einen Kranken oder einen Schläfrigen, noch eine Zufälligkeit, wie für einen Ermüdeten, noch ein Vergnügen, wie für einen Faulen: es war sein normaler Zustand.

Was mich faszinierte, war nicht dieses Nichtstun, Tagträumen, Dahindösen, sondern waren die Gedanken und Ideen von Oblomow. Als der Journalist Pjenkin ihn überreden will, ein Buch zu lesen, über das »man spricht«, will er davon nichts wissen.

Es ist aber kein Leben darin; es fehlt das Verständnis dafür, das Mitfühlen, das, was bei euch Humanität heißt. Es ist nichts wie Eitelkeit dabei. Sie beschreiben die Diebe und die gefallenen Frauen, als fingen Sie sie auf der Straße ein und führten sie ins Gefängnis. Man hört in Ihren Erzählungen nicht die unsichtbaren Tränen, sondern nur sichtbares, rohes Lachen und Zorn …

Egal, ob es sich um »einen Dieb, ein gefallenes Weib, einen aufgeblasenen Narren« handele, fordert Oblomow, »vergiß […] dabei nicht den Menschen […] Gebt mir den Menschen, den Menschen! […] liebt ihn.«

Es war diese Liebe zu den Menschen, die aus Oblomow sprechende zutiefst humanistische Gesinnung, die mich begeisterten und wieder und wieder zu dem Roman greifen ließen.

Am 18. Juni wäre der Autor des »Oblomow«, Iwan Alexandrowitsch Gontscharow, 200 Jahre alt geworden.

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