»Die dunkle Mühle«: ein dokumentarischer Episoden-Roman über die Familie Gollwitzer

Als Friederike Gollwitzer den Haushalt ihres verstorbenen Vaters auflöst, findet sie ein großes, braunes Kuvert mit vielen eng beschriebenen Zetteln, Umschlägen und Papiertüten sowie einem Packen mit einer Schreibmaschine beschriebener Blätter. Auf einem dieser Blätter liest sie: »Kindheit und Jugend in Mohrenstein. Erinnerungen unseres Vaters Karl Gollwitzer (1868–1947)«.

Damit beginnt für Friederike eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit ihrer weitverzweigten Familie. Unterstützt wird sie von dem Schriftsteller und Soziologen Arno Schott, den der aufmerksame Leser bald als den Buchautor Gerd Scherm identifizieren dürfte. Bei dem, wie es heißt, dokumentarischen Episoden-Roman »Die dunkle Mühle. Eine Gollwitzer-Saga« handelt es sich schließlich um nicht weniger als eine literarisch aufbereitete Chronik der Familie Gollwitzer, deren berühmtester Sprössling der Theologe Helmut Gollwitzer war.

Doch bevor Scherm sich ihm nähert, entführt er die Leser erst einmal in die Mohrensteinmühle, die Karls Vater Adam 1854 seinem Vetter Georg abgekauft hatte. Tief unten im engen Tal des Mühlbaches gelegen, wird sie auch »die dunkle Mühle« genannt. Noch unwirtlicher ist das hochgelegene, windgebeutelte Sankt Ötzen, in dem fürderhin Georg sein Glück zu machen versucht. Vergeblich. Seine Kinder sehen einen Ausweg nur noch in der Auswanderung nach Amerika.

Bei ihren Nachforschungen stoßen Friederike und Arno auch auf einen heute nahezu vergessenen Ahnen: den Physik-Nobelpreisträger Johannes Stark, einen fanatischen Antisemiten und Nazi, was aber nicht verhinderte, dass nach 1945 im Westen Deutschlands mehrere Straßen nach ihm benannt wurden und in der DDR die Universität Greifswald ihn mit einer Gedenktafel ehrte.

Einen anderen Weg beschritt dagegen Helmut Gollwitzer. Nationalistisch-konservativ erzogen, beteiligte er sich 1923 noch als »Meldebote« am Münchner Hitlerputsch, wandte sich danach aber zunehmend von nationalistischen Ideen ab und gehörte schließlich zu den entschiedenen Gegnern der Nazis. Nach der Befreiung vom Faschismus engagierte er sich als Theologe gegen die deutsche Wiederaufrüstung und gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr. Er unterstützte die 68er Studentenbewegung und das Russell-Tribunal gegen den Vietnamkrieg und gegen Menschenrechtsverletzungen in der BRD.

Das Spannende an Scherms Roman ist nicht nur die Biographie einer berühmten Familie, sondern genauso die Montage aus dokumentarischen und literarischen Elementen. Romanhafte Passagen, die die Leser in die dunkle Mohrensteinmühle, in das unwirtliche Sankt Ötzen, zu den Auswanderern im Zwischendeck eines Ozeanriesen, in die neue Heimat am Eriesee, in ein Pfarrhaus am Bodensee und nach Berlin-Dahlem entführen, wechseln mit Passagen ab, in denen die Leser Friederike und Arno auf ihrer Entdeckungsreise begleiten. Immer wieder eingestreut finden sich Auszüge aus den Erinnerungen Karl Gollwitzers, aus Briefen der Auswanderer in ihre alte Heimat und aus Schriften von Johannes Stark.

Leider verliert das Buch zum Ende hin ein wenig von seiner Bildhaftigkeit. Das ändert aber nichts daran, dass es insgesamt sehr gut geschrieben und seine Lektüre ein Gewinn ist.

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