Eine Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung mit aktuellen Bezügen

Ralf Hoffrogge überlässt den Lesern die Entscheidung, ob sie »mit Erstaunen oder auch Entsetzen« feststellen, »dass alles schon mal dagewesen ist«. In seinem Buch »Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland – Von den Anfängen bis 1914« ruft er Vieles in Erinnerung, was in den letzten zwanzig Jahren in der linken und Arbeiterbewegung in Vergessenheit zu geraten drohte. Die »Erfahrungen der Vergangenheit« dürften jedoch nicht vergessen werden, sondern aus ihnen sollte für die heutigen sozialen und politischen Auseinandersetzungen gelernt werden.

Hoffrogge beginnt seine Einführung in die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung mit der Gründung des Bundes der Geächteten 1834 und schließt sie mit der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten 1914. Interessant sind seine Überlegungen zu den Maschinenstürmern, die er sehr viel positiver als die meisten anderen linken Historiker sieht. Spannend lesen sich ebenso seine Ausführungen zu Ferdinand Lasalle, der lange Zeit größeren Einfluss auf die deutsche Arbeiterbewegung hatte als Karl Marx und Friedrich Engels.

Wer sich bislang wenig oder gar nicht für die Geschichte der Arbeiterbewegung interessiert hat, wird mit Erstaunen lesen, dass sich die Arbeiterbewegung keineswegs auf den Kampf für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen beschränkte, sondern sich sehr früh schon für die Gleichberechtigung der Frau, gegen Antisemitismus und Rassismus und für die Legalisierung der Homosexualität einsetzte. Wenn an dieser Stelle von »der Arbeiterbewegung« geschrieben wird, stimmt das so generalisierend natürlich nicht, denn von Anfang an existierten, wie Hoffrogge aufzeigt, in der Arbeiterbewegung verschiedene Strömungen. Das betrifft einerseits die verschiedenen sozialistischen Strömungen, andererseits aber auch die unterschiedlichen nichtsozialistischen, häufig antisemitische und völkische Strömungen, wobei letztere bis 1914 keinen größeren Einfluss gewannen.

Natürlich lässt sich auch Einiges gegen das Buch einwenden. So erfreulich es ist, dass Hoffrogge auch weniger bedeutende Gruppe innerhalb der Arbeiterbewegung darstellt, so sehr stellte sich bei mir manchmal doch der Eindruck ein, dass diese Ausführlichkeit nicht nötig gewesen wäre.

Das Hauptmanko verbirgt sich für mich allerdings in der Ratlosigkeit, mit der Hoffrogge dem Verrat der SPD von 1914 gegenübersteht. Lenins Überlegungen zur Arbeiteraristokratie hält er als Erklärung für die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten ungeeignet, ohne dies allerdings ausführlicher zu begründen. Dies steht doch in einem seltsamen Kontrast zur Ausführlichkeit an anderen Stellen, zumal er selbst einen anderen Ansatz zur Erklärung vermissen lässt. Dabei ist die Frage, wie Organisationen der Arbeiterbewegung in Widerspruch zu ihrer eigenen Programmatik geraten können, heute nicht minder aktuell.

Trotz dieser Kritikpunkte kann ich die Lektüre von Hoffrogges »Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland« als Einführung in die Thematik nur sehr empfehlen.

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