Oft totgesagt, aber lebendig wie eh und je: die Lyrik (2)

Das Berliner Lyrikfest »Dichter dran« bot mit dem Lyrikmarkt, wie im ersten Teil meines Berichts bereits angesprochen, eine erstklassige Gelegenheit, sich über das Lyrikangebot der Verlage zu informieren. Wer schon mal versucht hat, sich im Buchladen einen Überblick über die zeitgenössische Dichtkunst zu verschaffen, weiß, dass sowohl Verlage als auch Buchhändler der Lyrik kaum noch eine Chance geben.

Es sind vor allem kleine Verlage wie Wallstein, Wunderhorn, Hans Schiler, Rugerup, Poetenladen, Berliner Handpresse, Poesiealbum/Märkischer Verlag, J. Frank, luxbooks, Hochroth oder Kookbooks, die der Lyrik die Stange halten – und nur selten den Weg in die Buchhandlungen finden. So bot es sich einfach an, das Lyrikfest zu nutzen, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Er könne mit den Gedichten vieler junger Autoren nichts mehr anfangen, derartig verquast sei ihre Sprache, hat mir kürzlich ein etwas älterer Autor erzählt. So war ich entsprechend neugierig und habe begierig in Dutzenden Lyrikbänden geschmökert – und war enttäuscht. Sicherlich: Aus einzelnen Gedichten eines Buches sollte man nie auf die übrigen Gedichte dieses Buches schließen. Trotzdem machte sich bei mir ein Unbehagen breit.

Beziehungsängste, Einsamkeit, Weltschmerz, Verlassenheitsgefühle, Leere, Wehmut, Sehnsucht: Als Wohlstandsbürger hat man es nicht leicht. Die Wohnung ist vollgestopft mit Überflüssigem, Moral und Ethik sind nur etwas für Gutmenschen, Talkshows und Jenseitslehren prägen das Weltbild. Natürlich gibt es auch Hartz IV, gibt es den Krieg in Afghanistan, gibt es Hunger und Elend, gibt es die Nutznießer von Bankenrettungsplänen und Kriegen.

Aber was schert das einen von Beziehungsängsten und Weltschmerz geplagten Autor? Oder genauer gesagt: deutschen Autor? Vielleicht bin ich voreingenommen. Doch nicht zum ersten Mal muss ich feststellen, dass Sattheit Menschen allzu oft blind werden lässt. So jagt dann eine Banalität die andere. Sprachlich vielleicht gekonnt geschrieben, inhaltlich aber mit wenig Substanz.

Wie erfrischend dagegen die Gedichte der meisten Autoren aus Afrika und Lateinamerika. Dabei hätten sie viel mehr Grund, sich aus der bedrückenden Lebenswirklichkeit in ihrer Heimat in Traumwelten zu flüchten. Ihre Lyrik sprüht vielmehr von Lebensfreude. Ohne auf die Ebene von Leitartikeln herabzusinken, bleibt ihre Dichtkunst der Lebenswirklichkeit verbunden. Ihre Lebensvielfalt widerspiegelt sich zumeist auch in einer deutlich differenzierten, lyrischeren Sprache.

Dass diese verallgemeinernden Aussagen durch konkrete Beispiele untermauert werden müssten, ist mir bewusst. Ich werde versuchen, einige dieser Autorinnen und Autoren in nächster Zeit vorzustellen.

Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Oft totgesagt, aber lebendig wie eh und je: die Lyrik (2)

  1. Petra sagt:

    [MARKED AS SPAM BY ANTISPAM BEE | Server IP]
    Dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen! Ja, es gibt eine Menge Dichter hier in Deutschland, die mit der Sprache exzellent umgehen können, doch die banalen Inhalte lassen beim Lesen oft Langeweile aufkommen. Seit letztem Jahr mache ich bei der Cita de la Poesia mit und staune über die lateinamerikanischen Dichterinnen und Dichter, die in einer kraftvollen Sprache Themen aufgreifen, die die Welt bewegen.