Von der belgisch-deutschen Grenze nach Sibirien und zurück

Auch in ihrem zweiten Roman, »Fräulein Engel«, entführt Maryanne Becker die Leser in ihre ostbelgische Heimat. Doch diesmal geht die Reise weiter – bis nach Sibirien.

Vor 40 Jahren hat die Psychoanalytikern Thresje zum letzten Mal ihre Heimat gesehen. Jetzt bringt ein Seminar für ehemalige Kriegskinder sie zurück. Nie hat bislang jemand versucht, ihnen bei der Aufarbeitung der lange zurückliegenden Kriegs- und Nachkriegserlebnisse zu helfen. Doch was für Thresje eine Routineveranstaltung werden soll, bringt sie bereits an der Hotelrezeption aus dem Gleichgewicht.

»Mir stockte der Atem, als ich ihren Singsang, diesen typischen Tonfall aus der Aachener Gegend, vernahm, die Sprachmelodie meiner Kindheit.« Erinnerungen werden lebendig. Was war wohl aus der Casa Rosada geworden, was aus Fräulein Engel? Thresje beschließt, in ihr einstiges Heimatdorf zu fahren. Bald sitzt sie tatsächlich bei Fräulein Engel in der Casa Rosada.

Fräulein Engel, die eigentlich Angèle Toussaint heißt, beginnt zu erzählen – eine lange Geschichte. Eine schwere Erkrankung der Mutter hatte ihre Hoffnungen auf ein Medizinstudium zerschlagen. Als in Deutschland die Nazs dieMacht erobern, wird die Casa Rosada zu einer Durchgangsstation für jüdische Flüchtlinge. Als eine von SA-Männern vergewaltige Jüdin sie um eine Abtreibung anfleht, steht Angèle vor ihrer ersten Gewissensentscheidung. Ihre Hilfe spricht sich herum – und bringt sie in größte Gefahr.

Im Dezember 1943 wird sie verhaftet. Ihr Leidensweg beginnt. Gefoltert, zum Tode verurteilt, vergewaltigt, wird die Vollstreckung des Todesurteils ausgesetzt »zum Lazaretteinsatz im Dienste des Führers«. Als Krankenschwester wird sie Teil der Wehrmacht, kommt an die Ostfront, gerät in russische Gefangenschaft. Sechs Jahre muss sie Zwangsarbeit leisten, bevor sie freigelassen wird. Zurück im Dorf wird sie von der Dorfgemeinschaft gemieden. Ihre Rückkehr weckt nur mühsam verdrängte Erinnerungen. Thresje, damals noch ein junges Mädchen, erhält die ersten Ohrfeigen ihres Lebens, als sie ihrer Großmutter von Fräulein Engel erzählt.

Maryanne Becker hat die Namen der wichtigsten Romanfiguren nicht zufällig gewählt. Sowohl Therese als auch Toussaint sind in Belgien sehr häufig vorkommende Namen. Angèle Toussaint lässt sich zudem noch als »Engel aller Heiligen« übersetzen. Das mundartliche Ingelsche bedeutet gar »Engelchen«. Die Stubenälteste Grusche ist nach der Magd Grusche aus Brechts »Der kaukasische Kreidekreis« benannt, der Name der Krankenschwester Irina nimmt Bezug auf die griechische Friedensgöttin Eirene und die Ärztin Ewa erinnert mit ihrem Namen an das Hebräische »Chawah« (die Leben Schenkende).

Wie für die »Grenzlandfrau« bediente sich Maryanne Becker auch für »Fräulein Engel« eines sachlichen, aber nicht emotionslosen Erzählstils, der den Leser mitzittern und mitbangen lässt.

Schade ist nur, dass es der Verlag dieses Mal an der notwendigen Sorgfalt fehlen ließ. Absatzumbrüche mitten im Satz müssen genauso wenig sein wie falsche Anführungszeichen. Zum Glück leidet die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht wirklich. Trotzdem wäre für eine hoffentliche Nachauflage eine Korrektur wünschenswert.

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Eine Antwort auf Von der belgisch-deutschen Grenze nach Sibirien und zurück

  1. Heinz W. Pahlke sagt:

    Die Buchautorin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass mir in der Vorstellung von »Fräulein Engel« ein kleiner Fehler unterlaufen ist.

    Es war nicht die von den SA-Männern vergewaltigte Jüdin, die Angèle veranlasste, die erste Abtreibung vorzunehmen, sondern eine Jüdin, die auf der Flucht aus Deutschland von ihrem Verlobten getrennt wurde. Während er nach Palästina fliehen konnte, hatte sie in letzter Minute eine Schiffspassage nach Amerika erhalten.