Melinda Nadj Abonjis Sprache ist kühner als die in »Tauben fliegen auf« erzählte Geschichte

Für die ersten hundert Seiten von Melinda Nadj Abonjis Tauben fliegen auf brauchte ich nur einen Nachmittag und Abend. In wunderbar langen Sätzen erzählt die Preisträgerin des Deutschen und Schweizer Buchpreises 2010 die Geschichte der Familie Kocsis, die in den 1970er Jahren in die Schweiz auswanderte. Hier, wo im Gegensatz zum Balkan Frieden herrscht und der Wohlstand zum Greifen nahe scheint, hoffen sie eine neue Heimat zu finden.

Das hindert sie allerdings nicht, regelmäßig ihre alte Heimat zu besuchen. Mit einem dieser Besuche beginnt auch der Roman. Nichts hat sich in dem Städtchen in der Voivodina geändert. Alles ist so »wie im letzten Sommer und all die Jahre zuvor«: Wellblechhütten, in Lumpen gekleidete Menschen, zwischen Autowracks und Müll spielende Kinder, von Staub bedeckte Pappeln.

Was Ildikó, die älteste Tochter und Ich-Erzählerin des Romans, trotzdem immer wieder in ihre alte Heimat treibt, kann sie selbst nur schwer erklären. »Wenn ich gesagt hätte, dass ich Matteo liebe (einen Sizilianer, der ein paar Wochen vor den Sommerferien in unsere Klasse hereingeplatzt ist, ciao, sono Matteo de Rosa! und sofort bei allen, ausser beim Lehrer, beliebt war), dann hätten mich womöglich die meisten verstanden, aber wie sagt man, dass man eine Ebene liebt, die Pappeln, staubig, gleichgültig, stolz, und die Luft dazwischen?«

Obwohl sich dieser Satz über fast acht Zeilen zieht, gehört er noch zu den kürzeren Sätzen. Manche Sätze nehmen eine ganze Seite, einige sogar fast zwei Seiten ein. Oft sind es kühne Konstruktionen. Tauben fliegen auf ist kein Buch, das man mal schnell nebenbei liest. Auf Abonjis Roman muss man sich einlassen, um hinter der Sprödigkeit ihrer Sprache deren Schönheit entdecken und dem Romangeschehen folgen zu können.

Lange erscheint die Heimat in der Voivodina als eine, wenn auch wirtschaftlich zurückgebliebene Idylle. Nur zaghaft schimmern anfangs die Schattenseiten durch. Doch auch die Idylle in der Schweiz erweist sich als aufgesetzt. Obwohl sie dort selbst Ausländer sind, inserieren Ildikós Eltern: »Schweizerinnen bevorzugt«. Dass der Krieg immer mehr Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz treibt, erfüllt sie mit Sorgen. Ihr mühselig erarbeiteter bescheidener Wohlstand scheint ihnen von den Fremden, zu denen sie selbst gehören, bedroht.

Für manche Rezensenten haben sich die aufbrechenden Widersprüche in der Sprache des Romans wiedergespiegelt. Mir scheint hier aber doch zu sehr der Wunsch der Vater des Gedankens zu sein. Sprachlich wiederspiegeln sich das Älterwerden von Ildikó und ihre wachsenden Einsichten in die Wirklichkeit ihrer alten und neuen Heimat bestenfalls marginal. Habe ich das erste Drittel von Tauben fliegen auf mit großem Interesse gelesen, ließ es dann doch deutlich nach. Immer häufiger ertappte ich mich dabei, wie ich ihre langen, kunstvollen Sätze zu überfliegen begann. Wo Entwicklungen nur behauptet, aber nicht erlebbar werden, gerinnt Sprache allzu leicht zum Selbstzweck.

Melinda Nadj Abonjis »Tauben fliegen auf« als Taschenbuch bei Amazon

Melinda Nadj Abonjis »Tauben fliegen auf« als Hardcover bei Amazon

Dieser Beitrag wurde unter Autoren, Bücher abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Melinda Nadj Abonjis Sprache ist kühner als die in »Tauben fliegen auf« erzählte Geschichte

  1. barbara sagt:

    eine ansprechende rezi … auch wenn meine leseerfahrung mit dem letzten absatz nicht übereinstimmt … ;)