Edith Devries erzählt über eine jüdische Familie und die unbewältigte Vergangenheit in Deutschland

Vor langer Zeit habe ich im sehr lesenswerten Blog von Nele Tabler gelesen: »Wäre ich nicht direkt mit der Nase darauf gestoßen worden, hätte ich ›Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da‹ sicher nicht gekauft.« Mir erging es nicht anders.

Ich weiß nicht, wieviele Bücher ich zum Thema NS-Diktatur, Verfolgung und Widerstand in den vergangenen Jahrzehnten gelesen habe. Es waren sehr viele. Und jetzt noch ein Buch zu diesem Thema?

Ja, denn es kann gar nicht genug Bücher zu diesem Thema geben, zumal wenn sie von Augenzeugen jener schwarzen Jahre geschrieben wurden. Die Geschichte der Familie Devries beginnt in der ersten Häfte des 18. Jahrhunderts, als sich der Großvater der Autorin Edith Devries am Niederrhein niederlässt. Weeze ist keine Hochburg der Nazis, so dass die Familie auch nach der Machtübergabe noch lange relativ unbehelligt dort leben kann. Doch Weeze ist keine Insel der Glückseligkeit. Auch die schützende Hand des Bürgermeisters kann schließlich Verhaftungen und Deportationen nicht mehr verhindern.

Die wenigen Juden, die die NS-Diktatur überleben und nach deren Ende zurückkehren, müssen schnell erkennen, dass es mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nicht weit her ist. Eher wird über die Gebietsverluste Deutschlands geklagt als dass über die KZ-Opfer gesprochen wird. Wiedergutmachung wird häufig nur sehr zögerlich gewährt. Als Edith Devries als Zeitzeugin in Schulen gehen will, stößt sie keineswegs auf offene Ohren. Lange dauert es bis zur ersten Einladung in eine Schule . Sogar bis 2002 dauert es, bis in Weeze ein Denkmal für die verfolgten und ermordeten Juden errichtet wird. Zur Benennung einer Straße oder einer Schule nach den ermordeten Koopmann-Kindern Marion und Rosemarie konnte man sich dagegen weiterhin nicht durchringen.

Edith Devries ist überzeugt, dass es, »wichtig […] ist, für Toleranz und Nächstenliebe einzutreten und jeden, egal welcher Hautfarbe, Religion oder Überzeugung, zu respektieren«. Mit der konzertierten Hetze von Sarrazin bis Seehofer gegen die muslimische Minderheit in Deutschland gewinnt das Buch an erschreckender Aktualität.

Edith Devries’ »Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da« bei Amazon

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Eine Antwort auf Edith Devries erzählt über eine jüdische Familie und die unbewältigte Vergangenheit in Deutschland

  1. Hallo Heinz,
    Edith Devries und Ruth Bader haben durch das Buch nicht nur ihre Geschichte erzählt. Sie haben den Menschen, von denen sie erzählen, ein Denkmal der Erinnerung gesetzt und diese Schicksale dokumentiert. Ehrliche Bücher über diese schwierige Zeit kann es nie genug geben und sie sind absolut notwendig, denn die Menschen, die der Nachwelt aus eigener Erfahrung aus dieser Zeit berichten können, werden kontinuierlich weniger.

    Ich wünsche dir auch ein schönes Neues Jahr, voll Gesundheit, Glück und Freude.
    Schöne Grüße, Johanna