In »Die Stadt der Blinden« schilderte José Saramago die Entfremdung zwischen den Menschen

José Saramago ist tot. Einer der bedeutendsten portugiesischen Schriftsteller starb am heutigen 18. Juni 87-jährig auf der spanischen Kanaren-Insel Lanzarote. Auf sie war er 1992 emigriert, nachdem die portugiesische Regierung ihn von der Kandidatenliste für den Europäischen Literaturpreis gestrichen hatte. Sechs Jahre später wurde sein von der Regierung für unwürdig befundenes Schaffen mit dem Literaturnobelpreis geehrt.

Von seinen zahlreichen Werken kenne ich nur wenige, genauer gesagt sogar nur eines: »Die Stadt der Blinden«, erschienen 1995. Gerade wollte ich noch einmal in den Roman hineinlesen. Doch er steht nicht mehr im Bücherschrank. Aber vielleicht stand er auch niemals dort, sondern ich hatte ihn mir nur geliehen.

Nach und nach erblinden in dem Roman alle Menschen einer anonymen Stadt im einem namenlosen Land. Aber nicht nur die Stadt und das Land tragen keine Namen, sondern ebenso die Menschen. Namenlosigkeit und Blindheit stehen für die zunehmende Entfremdung zwischen den Menschen, die schließlich zu Gewalt und Unterdrückung führen, bis sich die Unterdrückten gegen die Willkür einer kleinen Clique Machtbesessener erheben.

Was mich neben dem Inhalt faszinierte, war der Schreibstil von José Saramago. Sehr sachlich, nahezu unterkühlt, lässt sein Roman doch seine ganze Sympathie für die drangsalierten Blinden nicht nur erkennen, sondern ebenso erfühlen. In allen Dialogen – und das sind nicht wenige und nicht immer kurze – verzichtete er konsequent auf jegliche Anführungszeichen, als zöge sich selbst die Sprache in die Anonymität zurück.

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